Russian Railroads

Russian Railroads Cover

Cover / Foto: Schmidt Spiele

Heute nehme ich mir mal kein aktuelles Spiel vor, sondern den Gewinner des deutschen Spielpreises aus dem Jahr 2014. Russische Eisenbahnen sind vielleicht nicht Jedermanns Thema auf den ersten Blick, aber ihr solltet unbedingt einen genaueren Blick riskieren. Es handelt sich dabei um ein großartiges Vielspieler-Spiel mit Worker Placement-Mechanismus. Die Spieler können dabei als Eisenbahnmagnaten Eisenbahnstrecken errichten, Gleise verlegen und Loks auf den Strecken fahren lassen. Dafür heuern sie Ingenieure an und versuchen, die Wirtschaft durch Fabriken anzukurbeln.

Spielmaterial:

Viel Material verbirgt die Schachtel. Zu einem großen, beidseitig bedrucktem Spielplan  mit Punkteleiste gehören vier identische Spielertableaus. Auf jedem sind drei unterschiedliche Eisenbahnstrecken und eine Industrieleiste aufgedruckt. Das Spielmaterial für jeden Spieler besteht aus 8 Arbeitern, 2 Spielanzeigern, Industrie-Markern und Gleisen in verschiedenen Farben aus Holz. Dazu kommen noch Punkteplättchen und sogenannte ?-Marker als Stanzteile. Diese sind Bonus-Plättchen, die an bestimmten Streckenteilen unter bestimmten Voraussetzungen zum Einsatz kommen können. Im allgemeinen Vorrat befinden sich Loks, Architekten, Geldmünzen und Verdoppler-Plättchen. Außerdem gibt es noch Karten: 4 Start-Bonus-Karten, 4 Reihenfolgekarten, 5 Fragezeichen-Karte und 10 Spielende-Karten.

Die Spielanleitung ist dem Spielprinzip entsprechend recht umfangreich, aber gut gegliedert und alles verständlich beschrieben. Offene Fragen aus der Anleitung wurden mit einem FAQ beantwortet.

Spielmechanismus:

Jedem Spieler stehen zu Beginn 5 Arbeiter und eine Münze zur Verfügung. Das Spiel läuft über sieben Runden. In jeder Runde setzen die Spieler ihre Arbeiter ein, um Aktionen auszuführen. Haben sie keine Arbeiter mehr zur Verfügung, können sie noch je eine Münze für einen Arbeiter einsetzen oder passen. Haben alle Spieler gepasst, kommt es zu einer Rundenwertung und die nächste Runde kann vorbereitet werden.

Was passiert genau in einer Runde? Der große Spielplan bietet verschiedene Aktionen, auf dem Spielertableau beginnen alle Spieler identisch mit einer 1er-Lok an der längsten Strecke mit Platz für zwei Loks und einem schwarzen Gleis pro Strecke, sowie einem Industriemarker auf dem Start-Feld. Als Aktionen kann man bestimmte Gleise um eine gewisse Anzahl bewegen, sich neue Loks oder Farbiken organisieren, Schritte auf der Industrie-Leiste beschreiten oder Punktemarker, Geld oder weitere Arbeiter nehmen. Um diese Aktionen zu nutzen muss jedoch eine bestimmte Anzahl Arbeiter (alternativ: Münzen), wie auf dem Spielplan abgebildet, eingesetzt werden.

Wer eine Lok erwerben möchte, nimmt immer die freie Lok mit niedrigsten Wert und setzt sie auf einen freien Platz oder ersetzt eine niedrigere Lok. Er darf eine Lok jederzeit mit einer mit höherem Wert ersetzen, aber niemals mehr als vier besitzen. Bei einer Fabrik nimmt der Spieler ebenfalls die Lok mit niedrigstem Wert, setzt aber die Rückseite als Fabrik ein. Wurden bereits ausgediente Loks als Fabriken zurück gelegt, hat man die freie Wahl aus diesen und der Fabrik auf der Rückseite der Lok mit niedrigstem Wert. Fabriken bieten zusätzliche Aktionen, helfen aber vor allem die Lücken zu schließen, um auf der Industrie-Leiste voranzukommen.

Rechts unten befinden sich zudem sieben Ingenieure, von denen jede Runde einer angeworben werden kann, indem der aktive Spieler eine Münze bezahlt. Er legt ihn neben sein Tableau und kann von nun an als Einziger diese Aktion mit einem Arbeiter nutzen. Die Aktionen der beiden Ingenieure der kommenden Runden können in der aktuellen Runde durch den Einsatz von Arbeitern auch als Aktion genutzt werden.

Russian Railroads Spielsituation

Spielsituation / Foto: Brettspielpoesie

Für jede Strecke ist angegeben, welche Gleise auf der Strecke eingesetzt werden können. Die anders farbigen Gleise erhält man, wenn man einen bestimmten Teil der Strecke mit dem Gleis (und manchmal auch entsprechender Reichweite der Lok) erreicht hat. Gleise können nur auf leere Streckenteile gesetzt werden und nur in der Reihenfolge schwarz, grau, braun, natur und weiß, keine Farbe darf übersprungen werden. Alle Boni, die eintreffen können, sind direkt an den Gleisplätzen angegeben, so können z.B. weitere Arbeiter ins Spiel kommen oder die ?-Plättchen zum Einsatz kommen. Jeder Spieler kann aus seinen ?-Plättchen ein Beliebiges auswählen und den Bonus sofort nutzen. Besonders erwähnen möchte ich dabei das ?-Plättchen mit den zwei Karten. Es bedeutet, das ein Spieler sich eine der ?-Karten aussuchen darf, die ihm einen sofortigen Bonus bescheren und eine Spielende-Karte, für die man unter bestimmten Voraussetzungen weitere Punkte bei Spielende erhält. An Spielende-Karten kommt man sonst nur über die Fabrik der 9er-Lok.

Um zu passen, dreht ein Spieler seine Reihenfolgekarte um und erhält die darauf angegebene Zahl an Siegpunkten. Umso später ein Spieler in die Runde einsteigt, desto mehr Punkte erhält er in dieser Phase. Haben alle Spieler gepasst, wird die Spielerreihenfolge überprüft. Wurden Arbeiter auf der Reihenfolgeleiste eingesetzt, um in der Spielerreihenfolge weiter nach vorne zu gelangen, wird die Reihenfolge für die kommende Runde nun angepasst. Die Arbeiter dürfen nun noch auf ein freies Aktionsfeld versetzt werden.

Dann wird die Rundenwertung durchgeführt. Für die Strecken auf den Spielertableaus, werden Punkte für alle Gleise vergeben, die mit der anliegenden Lok erreicht werden. Dafür bringt ein Gleis Punkte für das Feld, auf dem es sich befindet und alle dahinter liegenden freien Felder. Diese werden also gezählt, als würden dort ebenfalls Gleise dieser Farbe liegen. Je nach Farbe erhält man unterschiedlich viele Punkte pro Gleis, die genaue Anzahl kann dem Spielertableau entnommen werden, das mittels Bonus aufgewertet werden kann. Weitere Bonuspunkte sind an den Strecken angegeben, zum Beispiel Sonderpunkte wenn die Lok das entsprechende Feld erreicht.

Spielende:

Das Spiel endet nach der siebten Runde. Ein letztes Mal führen die Spieler eine Rundenwertung aus, bevor es zur Schlusswertung kommt. Bei dieser decken die Spieler, wenn vorhanden, ihre Wertungskarten auf und bekommen anhand dieser möglicherweise weitere Punkte. Dann wird die Mehrheit der Ingenieure ermittelt, bei Gleichstand entscheiden die Werte der Ingenieure. Der Spieler mit der Mehrheit erhält 40 Punkte, der Spieler dahinter 20 Punkte. Wer anschließend auf der Wertungsleiste die meisten Punkte erzielen konnte, gewinnt die Partie.

Spieleranzahl:

Wird Russian Railroads zu zweit gespielt, nutzt man die Rückseite des Spielplans. Auf dieser Seite stehen nicht alle Aktionen der Vorderseite zur Verfügung. Die 2 Hilfsarbeiter sind beispielsweise nicht verfügbar, so dass nicht beide Spieler in einer Runde an weitere Aktionsmöglichkeiten gelangen können. Das Spiel ist bereits nach 6 Runden vorüber, daher ein Ingenieurfeld weniger, und es liegt nur ein Architekt pro Runde offen aus. Beide Spieler bekommen von Beginn an einen weiteren Arbeiter. Von den Loks werden pro Wert nur zwei ausgelegt, bei drei Spielern jeweils drei. Drei Spieler spielen mit der Vorderseite und einem Arbeiter mehr zu Beginn, aber ebenfalls nur über 6 Runden. Ansonsten bleiben die Regeln gleich. Diese Anpassungen sind sinnvoll, es wird trotzdem ein Mangel an Aktionen erreicht, ohne einen simulierten Arbeiter, sodass es selbst zu zweit funktioniert. Mir gefällt es mit voller Besetzung allerdings am Besten.

Glücksfaktor?

Wer ein Spiel mit Glücksfaktor sucht, sollte nicht zu Russian Railroads greifen. Man sollte sich schon zu Beginn entscheiden, auf was man sich konzentrieren möchte. Welche Strecke liegt bei mir im Fokus, möchte ich die Industrie komplett ausnutzen oder strebe ich die Mehrheit der Ingenieure an? Alles wird man in einer Partie kaum schaffen, auch häufiges umentscheiden ist eher kontraproduktiv, wenn man um den Sieg mitspielen möchte.

Fazit:

Russian Railroads wurde zu Recht mit dem Deutschen Spielpreis 2014 ausgezeichnet. Man hat viele Aktionsmöglichkeiten und kann verschiedene Strategien nutzen, die zum Sieg führen können. Welche sich dabei besser eignet, muss jeder für sich heraus finden und hängt auch von den Endwertungskarten und den Ingenieuren ab. Durch die Ingenieure werden bestimmte Aktionen nur begrenzt angeboten, wenn der Architekt offen liegt oder wenn er gekauft wurde. Dann steht er nur seinem Besitzer zur Verfügung. Eines wird jedes Mal erreicht: Zu wenig Arbeiter für zu viele lukrative Aktionen. Es kommt darauf an, die besten Kombinationen zu finden. Diese kann man vor allem durch gelungene Kombinationen der ?-Plättchen erreichen, wenn man es schafft Kettenreaktionen auszulösen.

Die Spielerreihenfolge kann manchmal wirklich verwirrend sein. Das man aktiv Startspieler werden kann, wenn man dafür zunächst auf eine andere Aktion verzichtet, gefällt allerdings. So hat es jeder in den eigenen Händen, wann er in die nächste Runde einsteigen darf. Eine Parte dauert mindestens 90 Minuten, aber der Ehrgeiz ist sofort erweckt, es in der nächsten Partie besser zu machen. Einer unserer Mitspieler meinte, die Endwertung der Ingenieure wäre zu stark, aber ich empfinde es als ausgeglichen. Um einen Ingenieur anzuwerben benötigt man eine Münze und und muss dann noch einen Arbeiter dort einsetzen, möchte man seine Aktion nutzen. Ich finde die drei Wertungen Ingenieure, Strecken, Industrie sind insgesamt ausgeglichen, jede hat ihre Vor- und Nachteile.

Als einziger, kleiner Kritikpunkt bleibt nur anzumerken, wie bei den meisten Spielen dieser Art:  Verfügen die Spieler über unterschiedliche Erfahrung, kann es passieren, dass der Führende meist schon früh uneinholbar vorne liegt.

Wertungsnote 6/6

Verlag: Hans im Glück Verlag
Autor(en): Helmut Ohley, Leonhard Orgler
Erscheinungsjahr: 2013
Spieleranzahl: 2 – 4 Spieler
Dauer: 90 – 120 Minuten

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4 Gedanken zu “Russian Railroads

  1. Das klingt wirklich spannend. Ich könnte mir aber vorstellen, dass das Setting nicht für jedermann geeignet ist. Oder ist es eher so, dass das alles so aufbereitet ist, dass man selbst denjenigen einfangen kann, der beim namen „Russian Railroads“ eher denkt, ohjeh, das kann für mich ja nichts sein?

    • Man sollte Worker Placement-Spielen und ausführlichen Regeln gegenüber generell aufgeschlossen sein. Dann konnten wir zumindest auch Leute dafür begeistern, die mit dem Zug-Thema nicht viel anfangen können.

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