Spiel des Jahres 2017 – Sieger

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Wie versprochen werde ich noch über die BerlinCon 2017 berichten, aber ich beginne heute mit dem Abschluss des vergangenen langen Wochenendes: Die Pressekonferenz zur Verleihung der beiden Kritikerpreise Spiel des Jahres und Kennerspiel des Jahres. Die Gewinner sind euch sicherlich bereits bekannt. Beim Spiel des Jahres hatte ich den richtigen Riecher, es wurde Kingdomino. Beim Kennerspiel lag ich daneben. Entgegen meiner Befürchtungen, das einmalige Erlebnis könnte der Auszeichnung im Weg stehen, wurde Exit – Das Spiel prämiert. Und wie eigentlich in jedem Jahr, zumindest seit es das Internet gibt und jeder der eine Meinung hat, diese auch öffentlich heraus posaunt, hagelt es teils sehr harsche Kritik an der Jury-Entscheidung. Teilweise musste ich aufhören in einschlägigen Foren oder Facebook-Gruppen die Kommentare zu lesen, um mich nicht zu sehr aufzuregen. Da wird der Jury Kompetenz abgesprochen und der Preis herabgesetzt, weil einige mit den Entscheidungen nicht leben können. Doch die Jury besteht nun mal aus Kritikern und sie haben die Spiele anhand ihrer Erfahrungen und Eindrücke ausgewählt. Zuvor wurden Listen bekannt gegeben, welche einen Querschnitt des Jahrgangs zeigen, um möglichst viele Spieler anzusprechen. Doch in erster Linie solche, die noch keine regelmäßigen Spieler sind, sondern erst noch werden sollen. Sie sollen mit diesen Spielen an unser aller Hobby heran geführt werden. Und der Preis soll das Kulturgut Spiel stärken, auch wenn einige sich vehement gegen diese Bezeichnung wehren. Dafür benötigt es neue, frische Ideen. Das soll als Meinung zu den Diskussionen reichen, nun widme ich mich der Verleihung.

Letztes Jahr saß ich als Zuschauer dabei, ständig den Aktualisierungsbutton bei Twitter betätigend, um möglichst als Erster die Gewinner in die Welt hinaus zu posaunen. In diesem Jahr, mit besserer Kamera ausgestattet, lag mein Fokus darauf viele gute Bilder zu knipsen. Dies führte zu einer anderen Wahrnehmung der Veranstaltung. Als der anthrazit-farbene Pöppel enthüllt wurde, entdeckte ich Gänsehaut bei mir. Das gab es in den Jahren zuvor nicht. Für mich persönlich ist die Entscheidung ja auch eigentlich belanglos, außer behaupten zu können, man habe den richtigen Riecher gehabt. Doch für die Fotos so nah an den Autoren dran zu sein, hat mich berührt. Als dann von rechts laute Jubelschreie zu vernehmen waren, war ich selbst ganz aufgeregt und strahlte über beide Ohren. Obwohl ich komplett falsch lag. Es ist schade für den Schwerkraft-Verlag, der trotz zwei Nominierungen leer ausgegangen ist. Doch können Verlag und Autoren auf die Nominierungen sehr stolz sein, und auch dies wird die Verkäufe sicher ankurbeln. Meine Glückwünsche gehen an die Brands, deren Exit Spiele bereits vor der Nominierung mehr als 100.000 Mal verkauft wurden und jetzt hoffentlich noch mehr Personen begeistern. Auch wir kennen eine Person, die Brettspielen gegenüber weniger aufgeschlossen ist, aber für jedes Exit-Spiel alles Stehen und Liegen lassen würde. Handelt es sich noch um ein Spiel oder ist es nur ein Rätsel, gehört es wirklich in die Kategorie Kennerspiel? Ich finde ja, weil es dem interessierten Spieler aufzeigt, was neben Brett- und Kartenspielen noch in diesem Umfel exisitert. Wie auf den Bildern zu sehen, stand dem Autorenpaar die pure Freude auch noch später ins Gesicht geschrieben, denn gerechnet haben sie mit der Auszeichnung bei der starken Konkurrenz nicht.

Shem Philipps, Autor von Räuber der Nordsee, bekam das Grinsen ebenflls nicht mehr aus dem Gesicht, obwohl sein Spiel den Titel nicht abgeräumt hat. Er war einfach glücklich über die Nominierung und froh darüber, in Berlin sein zu dürfen, bei dieser wundervollen Veranstaltung. Wir sind beide der Meinung, dass Räuber der Nordsee die bodenständigste Entscheidung beim Kennerspiel des Jahres gewesen wäre, vergleichbar mir Isle of Skye im vergangenen Jahr. Wie viele bereits wissen, wird es auch ohne Preis weitergehen mit der Nordsee-Trilogie. Ende des Jahres werden die beiden Erweiterungen zum nominierten Spiel ausgeliefert, welche neue Elemente in das Spiel hinein bringen und einen fünften Spieler ermöglichen. Diese entstehen in Kooperation mit dem Schwerkraft Verlag, werden also auch auf deutsch verfügbar werden. Und sicherlich können wir dann auch nach und nach in den Genus der Schiffsbauer und Entdecker der Nordsee gelangen.

Mein längstes und intensivstes Gespräch hatte ich mit zwei der Fryx-Brüder, welche gemeinsam mit weiteren Brüdern an Terraforming Mars (TFM) arbeiten. Enoch ist der Kopf des Verlages, als Buchhalter widmet er sich seit kurzem voll und ganz dem Familienunternehmen. Sein Bruder Jacob tritt ganz anders auf, er ist der kreative Kopf und ihm wird die Ehre zuteil, seinen Namen auf die Schachtel von Terraforming Mars zu schreiben. Die Entwicklung ist dabei eine gemeinschaftliche Angelegenheit. Da ist es Fluch und Segen zugleich, dass sie Brüder sind. Blut ist dicker als Wasser und so können sie bei Meinungsverschiedenheiten nicht einfach ihrer Wege gehen, sondern müssen immer einen gemeinsamen Weg finden. Schließlich sind an der Entwicklung fünf Brüder beteiligt und bei den regelmäßigen Skype-Konferenzen geht es manches Mal heiß her. Aber am Ende finden sie immer Lösungen, hinter denen alle Brüder gemeinsam stehen können. An Ideen mangelt es ihnen zur Zeit jedenfalls nicht, neben den vielen Erweiterungen zu TFM haben die Brüder noch weitere spannende Spielideen im Kopf. Doch höchste Priorität liegt auf dem nominierten Spiel. Schon bald bekommen wir einen doppelseitigen Spielplan mit neuen Meilensteinen und Auszeichnungen, Hellas & Elysium, der seit gestern beim Schwerkraft-Verlag vorbestellbar ist und noch vor der Spiel in Essen ausgeliefert wird. Die folgende Erweiterung Venus besteht aus neuen Projektkarten, Konzernen und dem Venus-Tableau mit einem neuem globalen Parameter, der für das Spielende sorgt. Ich habe diese Erweiterungen in Berlin leider nicht angespielt, aber was darüber erzählt wurde klingt spannend. Voll auf einer Wellenlänge waren wir auch bei der Frage, ob TFM mit oder ohne Drafting gespielt werden sollte. Nicht nur aufgrund der AP-Anfälligkeit von Jacob wird im Hause Fryx lieber ohne Drafting gespielt. Genau wie hier bei uns. Doch ein richtig oder falsch gibt es dabei nicht, beide Varianten sind legitim, sonst hätte man sie nicht in die Anleitung aufgenommen. Das zeigt einmal mehr wie variabel und anpassbar TFM einfach sein kann. Mein persönliches Spiel des Jahres.

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Besonders freue ich mich für meinen Lieblings-Autor Bruno Cathala, dass er diesen Preis zum ersten Mal erhalten hat. So hatte ich sogar die Chance, mich für die vielen tollen Spiele der letzten Jahre zu bedanken und einen ersten Eindruck seiner Person zu bekommen. Ein offener, sehr freundlicher Mann, der den Sieg kaum fassen konnte. Niemals hätte er daran geglaubt mit dem Tribut an seine Großeltern, bei denen er früher immer Domino gespielt hat, einen Preis zu bekommen. Es fing an mit den Komponenten aus denen er mehr heraus holen wollte und heraus gekommen ist das Spiel des Jahres 2017. Demnächst erscheint mit Queendomino eine Standalone-Erweiterung des amtierenden Spiel des Jahres. Es kommt eine neue Landschaftsart hinzu mit einem neuen Mechanismus. In Kombination der beiden Spiele kann mit bis zu acht Spielern gespielt werden. Wobei der Autor dies ausdrücklich nicht empfiehlt. Wenn zu acht gespielt werden soll, dann in Zweier-Teams, da sonst die Downtime zu hoch wäre. Zu sechst soll es noch gut funktionieren. Ich erwarte besonders viel von der 4-Spieler-Variante mit allen Plättchen, bei denen dann auch vier Spieler jeweils ein 7×7-Grid errichten können. Erst wenn alle Plättchen ins Spiel kommen, entwickelt das Spiel für mich seine wahre Pracht. Doch ist das bei weitem nicht alles, was wir von Bruno Cathala in nächster Zeit erwarten können. Im Moment bin ich sehr interessiert an der deutschen Version von Game of Thrones – Die Hand des Königs und der zweiten Erweiterung zu Five Tribes. Letzteres wird dadurch zu fünft spielbar, wo doch viele bereits das Spiel zu viert als zu langatmig empfinden. Es soll jedoch nicht länger dauern, dafür sorgen andere neue Effekte. Zudem bin ich sicher, dass wir in Essen wieder einiges von ihm zu sehen bekommen. Für den Verlag Pegasus Spiele war eine Auszeichnung in diesem Jahr ebenfalls keine Selbstverständlichkeit. Zwei Nominierte ins Rennen zu schicken ist nunmal keine Garantie, wie Asmodee 2014 mit Splendor und Concept erleben musste, oder in diesem Jahr der Schwerkfrat-Verlag beim Kennerspiel.

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Als einziger thematisch passend verkleidet trat heute der alte Hase Reiner Knizia auf. Ganz gelassen im Goldsucher-Outfit verfolgte er die Veranstaltung und schien wirklich nicht betrübt gewesen zu sein, dass sein Spiel nicht gewonnen hat. 22 Erwähnungen auf den Auswahl-, Empfehlungs- oder Nominierungslisten zum Spiel des Jahres hat er bereits mit seinen Spielen hinter sich, doch nur ein einziges Mal reichte es mit Keltis für den Sieg des Hauptpreises. Doch er genoss die Veranstaltung auch dieses Jahr, denn so viele Personen aus der Brettspiel-Branche trifft man nur selten an einem Ort und hat auch noch die Zeit, mit ihnen ins Gespräch zu kommen. Von ihm konnte ich erfahren, dass an einer Erweiterung gearbeitet wird, doch hat er hohe Ansprüche daran. Er mag keine Erweiterungen, welche nur „more of the same“ mitbringen, also mehr von bereits bekanntem. Für ihn muss eine gelungene Erweiterung eine Bereicherung für das Spiel sein und Neues hinzufügen. Das können bei El Dorado neue Karten, neue Landschaftspläne oder ganz neue Elemente sein. Ich bin gespannt was da am Ende bei heraus kommt. Dabei ist Wettlauf nach El Dorado jetzt schon sehr variabel. Die erste Partie mit einer Anfängerstrecke für Einsteiger konnte mich nicht wirklich überzeugen, doch mit anspruchsvolleren Strecken wurde dass Spiel so richtig interessant. So kann jede Zielgruppe ihren Spaß damit haben und daran wachsen.

Als einziger ein wenig geknickt war Kasper Lapp, Autor von Magic Maze. Er hat nach dem Erfolg mit seinem Erstlingswerk bereits seinen Job gekündigt und möchte seine Brötchen nun mit der reinen Tätigkeit als Spieleautor verdienen. Dafür wäre der Preis natürlich das i-Tüpfelchen gewesen. Die Nominierung ist natürlich dennoch eine tolle Krönung und er ist motiviert, mit weiteren Spielen neue Anläufe zu starten. Jede Menge Ideen schwirren ihm schon im Kopf. Neben einer Erweiterung zum kooperativen Kaufhaus-Diebstahl arbeitet er an einer Kinder-Variante davon. Doch auch völlig neue Spiele könnten bald unter seinem Namen erscheinen. Ein reines 2-Spieler-Spiel und ein semi-kooperatives Piratenabenteuer stehen momentan an erster Stelle. Ich wünsche ihm weiterhin viel Erfolg und hoffe, dass er nicht als One-Hit-Wonder in die Geschichte eingeht. Ganz ohne Titel geht es für ihn aber nicht zurück nach Dänemark, denn für Magic Maze wurde ihm und den Verlagen Pegasus Spiele und Sit Down! am Wochenende ganz offiziell der Beeple Award verliehen.

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