Tiefe Taschen

Tiefe Taschen Cover

Cover / Foto: Fobs Games

Bluffen liegt mir nicht sonderlich gut, dafür bin ich ein zu ehrlicher Mensch 😳 Aber da diese Fähigkeit ja eigentlich bei fast jedem Brettspiel behilflich sein kann, um seine Strategie nicht zu verraten, übe ich mich darin und werde auch immer besser. Dennoch brauche ich eigentlich nicht unbedingt Spiele, in denen dies das zentrale Element ist. Tiefe Taschen habe ich schon bei der Neuheitenschau auf der Spiel in Essen 2016 erstmals vernommen, aber es sprach mich nicht direkt an, weswegen ich es links liegen lies. Doch dann las oder hörte man hier und da nur Positives darüber, daher nutze ich die Chance auf eine Testpartie auf der BerlinCon. Und die machte Spaß, obwohl wir nur zu fünft waren. Erst ab vier Spielern ist es überhaupt spielbar, bis zu acht können mitmischen. Oft verglichen wird es mit Junta, doch leider ist dieses Spiel bisher noch ein weißer Fleck bei uns, daher ist ein Vergleich für uns nicht möglich.

Spielmaterial:

In acht verschiedenen Farben gibt es jeweils eine Holzfigur (Schnüffler), zwei Aktionssteine aus Holz und fünf Handkarten (Zustimmen, Ablehnen, In die Staatskasse greifen, Erpressen und Erpressung abwehren). Zudem gibt es 80 Geldkarten, jeweils 16 mal 1-5 Millionen und eine Karte Staatsbankrott.

Spielmechanismus:

Ludwig Erhard, Deutscher Wirtschaftsminister in der Mitte des 20. Jahrhunderts sagte mal: „Ein Kompromiss ist die Kunst, einen Kuchen so zu teilen, dass jeder meint, er habe das größte Stück bekommen.“ Und genau darum dreht sich dieses Spiel. In jeder Runde deckt der Präsident aus der Staatskasse so viele Geldscheine auf, wie Spieler teilnehmen. Dieses Geld darf er nach seinen Wünschen unter den Anwesenden verteilen. Das kann auch bedeuten, dass er selbst alles bekommt und sonst niemand. Jedoch spielt dann jeder Spieler geheim eine Aktion und nur wenn nach der Aktionsphase nicht mehr Ablehnungen als Zustimmungen erfolgt sind, wird das Geld auch so vergeben. Wurde der Vorschlag abgelehnt, tritt der Präsident zurück und die Person, die als Erstes abgelehnt hat tritt an seine Stelle. Das Geld wird unter den verbliebenen Spielern neu verteilt, der ehemalige Präsident scheidet vorerst aus. Das wird so lange gemacht, bis das Geld verteilt wurde. Dann steigen wieder alle Spieler ein und eine neue Runde beginnt.

Tiefe Taschen Spielsituation

Spielsituation / Foto: Brettspielpoesie

Doch stehen den Spielern neben ablehnen und zustimmen noch weitere Aktionen zur Verfügung. Der erste Spieler, der „in die Staatskasse greifen“ spielt, tut eben dieses und nimmt die oberste Geldkarte vom Nachziehstapel. Nachfolgende Aktionskarten dieser Art werden nicht ausgeführt. Und dann kann noch erpresst werden. Dafür muss man seinen Schnüffler zu einem Spieler stellen, dem man mit der entsprechenden Aktionskarte einen Geldschein von der Hand ziehen darf. Diesen nimmt man zu seinem eigenen Vorrat. Doch kann die Erpressung abgewehrt werden, dann läuft es anders herum und der abwehrende Spieler zieht einen Geldschein vom Angreifer. Stimmt einfach niemand ab, weil alle mit anderen Dingen beschäftigt sind, gilt das Angebot des Präsidenten als angenommen.

Tiefe Taschen Karten

Karten / Foto: Brettspielpoesie

Doch wofür sind denn noch die Aktionssteine da? Sie zeigen auf einer Seite Ablehnung oder Zustimmung und auf der Rückseite das gleiche Zeichen durchgestrichen. Man darf jederzeit einen Schein aus dem eigenen Vorrat nehmen und diesen verdeckt mit einem Aktionsstein einem anderen Spieler zuschieben. Dieser darf ihn sich ansehen und das Geld am Rundenende behalten, wenn er der Aufforderung gefolgt ist. So kann man versuchen sich Stimmen zu kaufen. Aber nicht nur der Präsident darf dies tun, alle Spieler können sich gegenseitig bestechen und dafür zahlen dass ein Spieler zustimmt, ablehnt oder eines von beidem auf keinen Fall tut.

Spielende:

Die Karte Staatsbankrott wird anhand der Spielerzahl an eine bestimmte Stelle des Geldstapels platziert, die Rückseite gibt die Höhe des Geldstapels an, wo die Karte hinein geschoben wird. Erscheint diese Karte beim Geld auslegen zu Beginn einer Runde, endet das Spiel sofort, erscheint sie beim Griff in die Staatskasse, wird die laufende Runde noch beendet. Die Spieler decken nun ihre Geldscheinkarten auf und der Spieler mit der höchsten Geldsumme gewinnt die Partie.

Spieleranzahl:

Der Spaß steigt mit der Spielerzahl. Allerdings können sich mit steigender Spielerzahl auch die Pausen ziehen, in denen ein zurückgetretener Präsident darauf wartet, wieder mitmischen zu dürfen. Bei der kurzen Gesamtspieldauer ist dies aber zu verschmerzen. Außerdem kann man seine Meinung ja immer noch mit den anderen teilen und dadurch versuchen Einfluss zu nehmen.

Glücksfaktor?

Die Mitspieler gut einschätzen zu können, hilft bei diesem Spiel, aber ein Glücksfaktor lässt sich nicht vermeiden. Beim Griff in die Staatskasse oder auch beim Erpressen ist es reiner Zufall, ob man einen kleinen oder großen Geldbetrag zieht.

Fazit:

Tiefe Taschen wurde mir zu recht empfohlen. Gerade in größeren Spielegruppen macht es immer wieder Spaß. Häufig lässt sich der Effekt beobachten, dass in den ersten Partien die meisten Spieler noch recht zurückhaltend sind, sie machen eher sparsam Gebrauch von den Bestechungsmarkern. Unsere allererste Partie verloren wir recht deutlich gegen den Autor Fabian Zimmermann, der diese sehr regelmäßig und gekonnt eingesetzt hat. Der Schnüffler hingegen offenbart sein Können recht schnell und wird regelmäßig verwendet, um andere Spieler unter Druck zu setzen und dazu zu veranlassen eine Abwehr-Karte zu spielen. Das Spiel funktioniert mit introvertierten Menschen genauso gut, wie mit extrovertierten, wobei letztere meist schneller und besser in das Spiel und all seine Optionen hinein finden. Dann gibt es ordentlich Trash Talk und die Spieler versuchen sich gegenseitig mehr und mehr zu beeinflussen. Schließlich muss man als Präsident gar nicht alle Spieler auf seine Seite bekommen, es reicht wenn sich alle mit anderen Dingen beschäftigen. Zustimmung und Ablehnung sind eigentlich die am wenigsten lukrativen Aktionen, denn nur durch den Griff in die Staatskasse oder Erpressungen bekommt man zusätzlich Geld. Aber auch nur, wenn einem die Mitspieler nicht dazwischen funken. Dadurch wird das Spiel sehr interaktiv, da die eigenen Entscheidungen von den Aktivitäten der Mitspieler beeinflusst werden. Man darf sich ja auch noch umentscheiden, solange noch keiner eine Karte aufgedeckt hat. Ein wirklich spannendes Ärger-Spiel, dass die Spieler in die korrupte Welt der Politik entführt. Eine Partie ist schnell gespielt, sodass man anschließend locker noch die ein der andere Revanche spielen kann. Denn bei Tiefe Taschen wird, im Gegensatz zur echten Politik, nicht nur alle paar Jahre gewählt 😉

Wertungsnote 4/6

Verlag: Fobs Games
Autor(en): Fabian Zimmermann
Erscheinungsjahr: 2016
Spieleranzahl: 4 – 8 Spieler
Dauer: 20 – 50 Minuten

Vielen Dank an Fobs Games für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplares!

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