Nach Friedrich Ebert ist bei Ostia Spiele, in Zusammenarbeit mit Playing History, bereits das zweite “Serious Game” erschienen: Wendepunkte. Dabei handelt es sich schon um die 4. Auflage dieses Spiels. Zuerst wurde es gemeinsam mit der Bundeszentrale für politische Bildung herausgebracht und war von Anfang an zusammen mit Begleitmaterial für den Schulunterricht erhältlich. Ostia Spiele hat dieses Kartenspiel nun aus der Brettspielautoren- und Redakteurssicht unter die Lupe genommen und für kleinere Verbesserungen beim Spielablauf sowie der Punktwertung gesorgt sowie weitere Varianten hinzugefügt.
Wendepunkte ist ein Kartenspiel mit Draft-Mechanismus, bei dem drei bis acht Personen die Zeit in der ehemaligen DDR über den Mauerfall hinaus nachspielen und eigene Lebensläufe mit wichtigen Stationen erstellen. Pro Runde spielt jede Person drei Karten und am Ende jeder Runde werden Punkte verteilt. Ereigniskarten zeigen Einfluss-Symbole, die den Einfluss in verschiedenen Lebensbereichen repräsentieren. Manche Symbole benötigt man, um andere Ereignisse überhaupt ausspielen zu können. Außerdem helfen gleichartige Symbole an die Schlagzeilenkarten für zusätzliche Punkte zu gelangen.
Legt man beide Schachteln direkt nebeneinander fällt direkt auf, dass die Schachtel von Ostia Spiele marginal kleiner ausfällt. Sie entspricht damit dem typischen Schachtelformat solcher Kartenspiele, wie man sie zum Beispiel bei Amigo häufig findet. Während auf dem Cover nun auch das Logo von Ostia Spiele und die Namen der beiden Autoren zu finden sind, unterscheiden sich die Rückseiten schon deutlicher. Zwar ist die grundlegende Gestaltung ähnlich, doch die aktuelle Ausgabe gibt einen besseren Einblick in den Spielablauf.

Im Inneren ist vieles gleich geblieben. Wenn man von der Kartengröße mal absieht, denn ebenso wie die Schachteln, sind auch die Karten marginal unterschiedlich groß. Die Informationen darauf finden sich in beiden Ausgaben. Hier sieht man im direkten Vergleich auch schon die ersten Anpassungen. Die Siegpunkte in den Kreisen sind nun farblich codiert, je nachdem in welcher Runde sie vergeben werden. Für verdeckt ausgespielte Karten gibt es keine Punkte mehr. Die Schlagzeilenkarten wechseln nun nicht mehr dauerhaft den Besitzer, sondern nur noch vor den Wertungen, sodass sie nicht ständig hin- und herwechseln.

Die Symbole, Punktzahlen und Flavour-Texte sind größtenteils geblieben. Die Anleitungen unterscheiden sich deutlich. Die der aktuellen Ausgabe ist ausführlich und verständlich geschrieben, sie enthält mehr Informationen, aber ich finde sie unvorteilhaft umgesetzt. Aus dem kleinen Heft mit Klammerbindung ist nämlich ein großer, doppelseitig unterschiedlich bedruckter Faltzettel geworden, der es erschwert Details nachzulesen.
Fazit
Geschichtlich interessiert war ich schon in der Schule. Da ich in einem Zonenrandgebiet aufgewachsen bin, war die die Zeit des geteilten Deutschlands bis hin zur Wiedervereinigung schon immer irgendwie präsent. Auch wenn ich selbst keine eigenen Erinnerungen daran habe, dafür war ich damals einfach noch zu jung. Aber Familie oder Freunde haben immer mal wieder aus dieser Zeit berichtet. Von daher war ich schon gespannt, als dieses Spiel 2017 erstmals erschienen ist.
Aus spielerischer Sicht hat es vielleicht so seine Eigenheiten. Es kann passieren, dass man viele Karten auf die Hand bekommt, die man gar nicht spielen darf und dadurch bei der Auswahl der Karten stark eingeschränkt ist. Manchmal muss man sogar Karten weitergeben, welche die folgende Person ideal verwenden kann. Thematisch ist das in der Regel nachvollziehbar: Beispielsweise muss ich mich erst für die Gesellschaft engagieren, um später dafür einem Orden zu erhalten. Bei der Spieldauer von gut 15 Minuten finde ich dieses Zufallselement vertretbar. Zudem hat Ostia Spiele eine Variante ohne Drafting-Elemente für mehr Planungssicherheit hinzugefügt. Die Unvorhersehbarkeit des Mauerfalls und der Zeit danach bleibt erhalten, da man direkt mit vier Ereignissen auf der Hand beginnt und schon Ereignisse für Runde 2 nachzieht, um sich auf diese ggf. vorbereiten zu können, während die Ereignisse der dritten Runde auch erst in dieser Runde kommen.
Die angegebene Spielzeit wird nicht immer eingehalten, vor allem nicht, wenn man wie empfohlen, über jede Karte im eigenen Lebenslauf spricht. In beiden Versionen werden dafür als Variante ebenfalls Punkte vergeben. Diese fallen in der aktuellen Ausgabe allerdings etwas niedriger aus. In unseren Partien wurde meist auch nach den Partien noch über die gespielten Ereignisse gesprochen. Und genau so etwas möchte solch ein Serious Game ja erreichen, dass man darüber spricht und sich mit dem Thema auch über das Spiel hinaus auseinandersetzt.
Verlag: Playing History / Ostia Spiele
Autor(en): Martin Thiele-Schwez, Michael Geithner
Illustration: Alexander Roncaldier
Erscheinungsjahr: 2017 / 2024
Spieleranzahl: 3-8 Personen
Dauer: ca. 15 Minuten
Vielen Dank an Ostia Spiele für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars!

