Arler Erde

Arler Erde Cover

Cover / Foto: Brettspielpoesie

Uwe Rosenberg hat es in diesem Jahr mit seinem 2-Personenspiel Patchwork auf die Empfehlungsliste zum Spiel des Jahres geschafft. Selbige zum Kennerspiel des Jahres enthält ebenfalls eines seiner aktuellen Spiele, wobei man sich jedoch fragen muss, ob es dort richtig aufgehoben ist. Mit den Titeln „Auf den Spuren von Marco Polo“ und „Deus“ wirkt diese Liste eher als Sammlung großartiger Spiele, die zu anspruchsvoll sind, um als Kennerspiel durchzugehen. Arler Erde kommt mit viel Material obwohl es nur für maximal 2 Spieler geeignet ist. Diese müssen aus diversen Aktionsmöglichkeiten die besten auswählen und dabei möglichst erfolgreicher als der Gegner wirtschaften.

Spielmaterial:

Als erstes fällt einem auf, das der prall gefüllte Karton ein ordentliches Gewicht hat. Darin befindet sich jede Menge Spielmaterial. Es gibt einen großen Spielplan. Hinzu kommt ein Ablageplan für Plättchen und Marken, die während des Spiels erworben werden können. Es gibt viele verschiedene Plättchen (z.B. diverse Fuhrwerke, Äcker, Ställe etc.). Dazu kommen noch einige Baustoff- und Kleidungsmarken. Auf den Rückseiten befindet sich meist eine Verbesserung/Veredelung der Vorderseite. Zusätzlich sind diverse Gebäude vorhanden.

Jeder Spieler erhält einen Heimatplan sowie einen Ablageplan „Reiseziele und Scheune“. Der Heimatplan wird zu Beginn mit Mooren, Äckern, Torfsteinen und Deichplättchen bestückt. Für jeden Spieler liegen Holzspielsteine, Warenanzeiger, Startspielermarker und Reiseziele bereit. Die Holzspielsteine müssen, genauso wie die Warenanzeiger, vor dem ersten Spiel beklebt werden. Pferde, Schafe und Kühe komplettieren das Spielmaterial. Letztere bekommen noch ihre Kuhflecken aufgeklebt. Die Aufkleber halten nur bedingt gut, daher wären bedruckte Figuren schöner gewesen.

Das 36-seitige Begleitheft möchte ich gerne besonders hervorheben. Dort findet man für die verwendeten Aktionen und Gebäude geschichtliche Nachweise und Anekdoten. Angefangen bei dem Leuchtturm, der als Vorlage für die Starspielermarker diente, über Informationen zu Schafen, Bräuchen und den damaligen Handelsorten zu Ostfriesland im Allgemeinen und Arle im Speziellen. Auch Bilder vom kleinen Uwe Rosenberg sind darin enthalten. Man merkt wie viel Herzblut in diesem Spiel steckt.

Arler Erde Gesamtaufbau

Gesamtaufbau / Foto: Brettspielpoesie

Spielmechanismus:

Vor dem ersten Zug erhält jeder Spieler ein Pferd, 4 Holz, 4 Lehm und drei Torfstücke. Durch verdecktes Ziehen der Startspielermarker wird ermittelt, wer das erste Sommerhalbjahr beginnen darf. Es werden vier Winter- und fünf Sommerhalbjahre gespielt, in denen die Spieler jeweils vier Aktionen ausführen dürfen. Klingt viel, ist es aber nicht. Man steht jede Runde aufs Neue vor der Frage, welche Aktion nun am sinnvollsten ist. Je nachdem in welcher Jahreszeit man sich befindet, stehen auf dem großen Spielplan andere Aktionen zur Verfügung. Die Aktionen stammen aus dem wahren Leben, zum Beispiel werden die Felder zunächst entwässert, dann das Torf entfernt, bevor es bebaut werden kann. Am Ende einer Jahrzeit, also nachdem jeder Spieler seine vier Aktionen genutzt hat, kommt es je nach Jahreszeit zur März- oder Novemberwertung. Auch diese Zwischenwertungen orientieren sich an der Realität. Im Sommer erhält man Nährwerte von den Schafen und Kühen, erntet Getreide und Flachs von den Äckern und bekommt ggf. Holz aus den Wäldern. Man muss aber auch Nährwerte abgeben, um seine Tiere zu füttern und Torf zum Heizen für den Winter vorrätig haben. Am Ende des Winterhalbjahres wollen die Schafe ihre Wolle loswerden und alle Tiere in Ställen oder Stallungen erwarten Nachwuchs. Nährwerte müssen dennoch abgegeben werden, Tiere können eben nicht von Luft und Liebe leben.

Demnach laufen alle Runden in den folgenden drei Phasen ab:

    • Die geruhsame Zeit

Der Startspielermarker wird gewechselt. Die Arbeiterfiguren werden auf die dafür vorgesehenen Felder des bevorstehenden Halbjahres gestellt, die des Startspielers nach oben. Der Halbjahresmarker wird verschoben, um anzuzeigen wie viele Halbjahre noch kommen.

    • Die Arbeitszeit

Nun werden nacheinander die Arbeiter auf verschiedene Aktionen gesetzt und die Aktion unverzüglich ausgeführt. Dabei darf einmalig pro Halbjahr, ein Spieler, eine Aktion des anderen Halbjahres wählen, macht damit aber den anderen Spieler in der folgenden Runde zum Startspieler. Viele Aktionen beziehen sich auf Handwerksgeräte, von denen ihre Ergiebigkeit abhängt. Die Ergiebigkeit kann durch die Aktion „Meister“ oder durch Boni verbessert werden.

    • Die Bestandsaufnahme

Nun kommen die vier Schritte der Bestandsaufnahme. Dabei werden zunächst die Fuhrwerke geleert. Reiseziele kommen auf die dafür vorgesehene Leiste links auf dem Heimatplan. Veredelte Waren kommen nun in den Vorrat des Spielers. Dann kommt es abhängig von der Jahreszeit zum Ernten / Melken oder Jungtiere / Scheren bevor zu beiden Zeiten die Versorgung ansteht.

Arler Erde Spielplan

Spielplan / Foto: Brettspielpoesie

Das Ziel des Spiels besteht darin, die meisten Siegpunkte zu erhalten. Diese kann man über vielseitige Möglichkeiten erreichen. Durch sinnvolle Aktionsketten können die Siegpunkte eingefahren bzw. erhöht werden. Beispielsweise wird aus Schafswolle Kleidungsmaterial hergestellt, welches wiederum zu Kleidung verarbeitet werden kann. Diese kann bei den Reisezielen verkauft werden. Die dadurch gesammelte Reiseerfahrung führt ebenfalls zu Siegpunkten. Zum Reisen benötigt man jedoch ein Fuhrwerk, für das wiederum Holz und Pferde abgegeben werden müssen. Dieses Prinzip ist in der Art bei allen Aktionen anzuwenden: Ich muss etwas abgeben, das ich vorher vielleicht erst besorgen muss, um etwas Spezielles zu erhalten.

Durch Entwässerung, Torfabbau und Deichverschiebung können neue Nutzgebiete auf dem Heimatplan erschlossen werden. Diese können anschließend beliebig verwendet werden und man entgeht damit Minuspunkten am Spielende. Für all dies werden natürlich wieder Aktionen benötigt, von denen man ja nur vier pro Runde hat. Neben Ställen, Äckern, Wäldern kann man auf seinem Land auch Gebäude errichten. Baut man ein solches, liefert dieses einen Bonus (z.B. kostenloses Fuhrwerk, zusätzlich Torf stechen, usw.).

Spielende:

Mit dem Ablauf des neunten Halbjahres endet das Spiel nach einer letzten Novemberwertung. Nun sollte man den Wertungsblock zur Hand nehmen und diesen Punkt für Punkt abhandeln, um keine Siegpunkte zu vergessen. Diese erhält man für:

  • Kleidungsmarken und Baustoffe
  • Gerätschaften in der Scheune
  • Reiseerfahrung
  • Handwerksgeräte (wenn die Ergiebigkeit stark verbessert wurde)
  • Warenleiste
  • Punkte auf dem Heimatplan (Gebäude, Wälder, Parks, etc.)
  • Tiere

Wer die meisten Siegpunkte erlangen konnte, gewinnt das Spiel. Im Solospiel gelten Werte über 110 Punkte als herausragende Leistung.

Spieleranzahl:

Wie viele Strategie-/Aufbauspiele kann auch dieses alleine gespielt werden. Dabei versucht man einfach jedes Mal einen möglichst hohen Siegpunktewert zu erzielen. Einzige Änderung zum 2-Personenspiel: Man darf keine Aktion des anderen Halbjahres wählen. Eine gute Möglichkeit um neue Strategien auszutesten. Dafür muss man es allerdings mögen, über einen längeren Zeitraum alleine zu spielen. Mir persönlich gefällt das Duell wesentlich besser. Dabei darf man sich jedoch nicht an wenig Kommunikation und langen Grübelzeiten des Mitspielers stören. Denn wer die Wahl hat, hat die Qual.

Glücksfaktor?

Vom Glücksfaktor kann hier keine Rede sein. Beide Spieler haben die gleichen Voraussetzungen und Aktionsmöglichkeiten. Der andere Spieler kann einem zwar eine Aktion vor der Nase wegschnappen, aber selbst dann hat man die Chance diese Aktion durch Nachahmung zu erlangen. Oder man nutzt im kommenden Halbjahr diese Aktion des vergangenen Halbjahres. Mit Strategie und Voraussicht muss man bei Arler Erde seine Züge planen, um erfolgreich zu sein. Man wird niemals genügend Aktionsmöglichkeiten haben, um alle Siegpunktquellen zu nutzen, man muss sich früh entscheiden, welchen Weg man wählt und bestenfalls Abweichungen davon in der Hinterhand haben, falls der Gegner dazwischen funkt.

Fazit:

Ein sensationelles Spiel für alle Vielspieler, die sich nicht davor scheuen einige Zeit an den Spieltisch gefesselt zu sein. Thematisch perfekt umgesetzt, kann man bei diesem Spiel fast die ostfriesische Landluft riechen. Angefangen vom Entwässern der Moore oder das Verschieben der Deiche für neues Land, über Verarbeitung und Verkauf der Rohstoffe, bis hin zum Schafe scheren und Jungtiere bekommen, bietet Uwe Rosenberg mit Arler Erde alles was das Bauernherz begehrt. Die vielen Möglichkeiten, welche den Spielern angeboten werden, machen den großen Widerspielreiz aus. Man will jedes Mal besser wirtschaften um  mehr Punkte zu erzielen. Der Einsatz unterschiedlicher Gebäude je Partie macht es dazu noch abwechslungsreich.

Wertungsnote 6/6

Verlag: Feuerland Spiele
Autor(en): Uwe Rosenberg
Erscheinungsjahr: 2014
Spieleranzahl: 1-2 Spieler
Dauer: 60 Min. pro Spieler

Vielen Dank an Feuerland Spiele für das vergünstigte Rezensionsexemplares!

Ähnliche Artikel:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.