Now Boarding

Cover / Foto: Fowers Games

Bis vor etwa drei Jahren hatte ich noch relativ wenig Berührungspunkte mit der Luftfahrt, höchstens alle paar Jahre mal einen Urlaubsflieger benutzt. Und dann habe ich angefangen im Luftfahrtbundesamt zu arbeiten. Da ich mich dort hauptsächlich um E-Government-Themen kümmere, also den Online-Zugang zu dieser Behörde, kam ich auch sehr schnell mit den Fluggastrechten in Berührung. Ein Thema welches potentiell jeden Reisenden betreffen kann, dessen Flieger sich verspätet, ausfällt oder der in einer anderen Klasse als der gebuchten unterkommt. Denn dann werden die Fluggäste schnell unzufrieden, was die Spieler in Now Boarding versuchen zu vermeiden. Jeder Gast möchte von A nach B kommen, doch umso länger er sich an einem Flughafen befindet, desto unentspannter wird er. Ein Umweg macht ihm nicht so viel aus, in der Luft scheint die Zeit wie im Fluge zu vergehen. Außer das Wetter spielt nicht mit, dann kann der Flug auch mal etwas länger dauern…

Spielmaterial:

Es gibt Verlage, die wählen die Kartongröße für ihre Spiele anhand des gewünschten Verkaufspreises, ungeachtet dessen, dass ein Großteil des Kartons dann einfach leer bleibt. Ganz anders sieht das bei Fowers Games aus, dort bleibt kein Quadratzentimeter in der Spieleschachtel ungenutzt. Enthalten sind bei Now Boarding viele kleine, quadratische Karten sowie diverse Flugzugteile aus fester Pappe. Der längliche Spielplan zeigt eine Landkarte, Vorder- und Rückseite unterscheiden sich ein wenig. Zusätzlich ist noch ein Tableau für den Rundenaufbau auf der einen und einer Kostentabelle auf der anderen Seite enthalten. Außerdem gleich zwei Sanduhren, eine läuft 15, die andere 30 Sekunden für unterschiedliche Spielerzahlen.

Leider hat sich auf der Kartenübersicht ein Fehler eingeschlichen, der Aufbau für drei Spieler funktioniert mit der angegebenen Kartenanzahl nicht. Die korrekte Anzahl hat der Autor selbst zumindest bei Kickstarter bestätigt. Das Spielmaterial ist grundsätzlich sprachneutral, nur die Anleitung und die Texte auf den als Variante zu verwendenden VIP-Karten müssen auf englisch verstanden werden. Zur besseren Einführung findet sich in der Anleitung ein Link zu einem YouTube-Video, in welchem Spielaufbau und -ablauf gut verständlich vorgestellt werden.

Spielmechanismus:

In drei Phasen versuchen die Spieler die Fluggäste von ihren Startflughäfen zu den gewünschten Endflughäfen zu befördern. Jeder Spieler besitzt dafür ein Flugzeug mit bestimmter Kapazität und Geschwindigkeit, beides kann im Laufe der Partie erweitert werden. Jede Runde läuft in zwei Phasen, eine ruhige Planungsphase, auf die eine Echtzeitphase folgt. Absprechen dürfen sich die Spieler nur während der Planung, in der darauffolgenden Phase müssen sie ihre Entscheidungen alleine treffen.

Flugzeug / Foto: Brettspielpoesie

Zuvor werden jede Runde neue Passagiere an Flughäfen platziert. Wohin sie reisen wollen, erfahren die Spieler erst beim Umdrehen in der Echtzeitphase. Passagiere, die zu Beginn einer Runde noch immer an einem Flughafen warten, ärgern sich darüber. Dies wird durch einen roten Würfel markiert, beim vierten Würfel würden sie den Flughafen verlassen und eine Beschwere einreichen. Drei Mal im Spiel wirkt sich das Wetter auf die Flugstrecken aus, einige Strecken benötigen durch Unwetter mehr Zeit, andere lassen sich mit Rückenwind schneller überwinden. Jeder erfolgreich abgesetzte Passagier bezahlt für seinen Flug, dieses Geld können die Spieler in ihr Flugzeug investieren. Dabei geht überbezahltes Geld verloren, wenn es nicht in temporäre Verbesserungen investiert werden kann.

Spielsituation / Foto: Brettspielpoesie

Wenn das Spiel nach einigen Partie zu einfach erscheint, kann man die VIP-Gäste hinzunehmen. Dann werden zu jeder Tageszeit zusätzliche Stapel bereitgelegt. Während der Tageszeit müssen diese Karten aufgedeckt werden, maximal eine pro Runde. Die Eigenschaft wird dann zum zuletzt platzierten Gast gelegt, der nun z.B. einen weiteren Sitz benötigt oder nicht durch Wetter beeinflusste Strecken fliegen darf. Das erschwert es, die Fluggäste gemeinsam zu ihren Zielorten zu befördern.

VIP-Gäste / Foto: Brettspielpoesie

Spielende:

Sobald die dritte Beschwerde eintrudelt, ist die Fluggesellschaft am Ende, sie stellt den Betrieb ein. Falls dies nicht geschieht, endet eine Partie nach Durchlauf der dritten Tageszeit, was am aufgebrauchten Stapel der Gästekarten für den Abend zu erkennen ist. Es folgt eine letzte Runde, in der die Spieler die Möglichkeit bekommen noch alle Gäste, die unterwegs sind, an das gewünschte Ziel zu bringen. Je zwei Passagiere, die ihren Zielort nicht erreicht haben, führen zu einer Beschwerde. Um zu gewinnen müssen die Spieler im Anschluss weniger als vier Beschwerden bekommen haben.

Spieleranzahl:

Die Spielerzahl entscheidet über die Spielplanseite und die Anzahl der Karten in den Stapeln für die Tageszeiten. Bei weniger als vier Spielern müssen Karten aussortiert werden, da dann ein gesamter Flughafen nicht auf dem Plan zur Verfügung steht, bei zwei Spielern wird ein weiterer ignoriert. Dafür bekommen zwei Spieler eine zusätzliche Strecken zu Spielbeginn, die sie ebenfalls fliegen dürfen. Dennoch empfanden wir es mit zwei oder drei Spielern schwieriger als mit vier oder fünf. Auch wenn das Streckennetz kleiner wird, so bleiben lange Strecken vorhanden und diese sind mit weniger Flugzeugen einfach schwieriger zu bewältigen. Außerdem finde ich das Aussortieren der Karten sehr nervig. Am besten gefällt es mir ab vier Spielern, dann dauert die Echtzeitphase etwas länger, man kommt sich auf dem kleinen Spielplan auch schon mal mit den Händen in die Quere oder muss an einem Flughafen auf einen anderen Flieger warten, um Passagiere umsteigen zu lassen.

Glücksfaktor?

Ein wenig Glück spielt schon hinein, in welcher Reihenfolge die Karten auftauchen. Es ist natürlich erstrebenswert, wenn Passagiere von einem Ort aus in dieselbe Richtung reisen wollen. Anstrengend wird es wenn immer dort Passagiere auftauchen, wo gerade kein Flugzeug in der Nähe ist. Durch das Wetter werden immer einige Strecken länger dauern, dafür andere kürzer. Doch muss das nicht immer mit den Wünschen der Passagiere korrespondieren.

Fazit:

Now Boarding ist ein clever durchdachtes Pick-Up-And-Deliver-Spiel. Mir gefällt besonders der ständige Wechsel zwischen Echtzeit- und Planungsphase. Bei Echtzeitspielen finde ich es meist nach einiger Zeit eher anstrengend, den ständigen Zeitdruck zu verspüren, doch dieses Gefühl kommt hierbei einfach nicht auf, dadurch das sich die beiden Phasen so gut ergänzen. Die Grafiken gefallen mir gut, ich mag diesen comichaften Stil. Etwas schade finde ich die kleineren redaktionellen Mängel, wie die falsche Kartenanzahl auf der Übersicht, Tippfehler oder unklare Anweisungen der VIP-Gäste.

Die Planungsphase kann recht ausufernd werden, sodass wir manches Mal schon dachten, wir würden vielleicht zu detailliert planen. Zum Glück wirkt das Spiel selbst dem entgegen, denn zu Beginn einer jeden Runde erfahren die Spieler zwar an welchen Flughäfen neue Passagiere auftauchen, aber kennen noch nicht deren Reiseziele. Daher kann gar nicht alles durchgeplant werden, die Spieler müssen immer noch spontan selbst entscheiden, was sie mit den neuen Passagieren machen. Damit wird auch recht gekonnt das Alphaspieler-Problem umgangen.

Bei guter Planung ist das Standardspiel in unseren Partien recht einfach zu bewältigen gewesen, mehr Pfiff bringen die VIP-Gäste ins Spiel. Denn sie wollen plötzlich einen Privatjet bekommen, benötigen zwei Sitzplätze oder verwehren sich Zwischenlandungen, was den Schwierigkeitsgrad deutlich erhöht. Es ist möglich verärgerte Passagiere aufzunehmen und zu einem ganz anderen Flughafen zu befördern, als sie eigentlich wollten. Sobald sie den Flieger betreten, ist der Ärger plötzlich vergessen. Zumindest bis sie am nächsten Flughafen wieder warten müssen. Das ist thematisch vielleicht nicht unbedingt zu erklären, so mancher würde sicher lieber etwas länger darauf warten loszufliegen, als sinnlos hin und her geflogen zu werden. Gerade in der heutigen Zeit, wo der Klimaschutz das beherrschende Thema in der Polititk ist und Wege gesucht werden Inlandsflüge bei uns zu vermindern. ;-) Doch daran störten wir uns kaum, generell haben wir uns nicht wirklich in die Passagiere hinein fühlen können, sie wurden von uns eher wie Waren behandelt: „Nimm Du den SFO mit nach JFK, dann kann ich die beiden SFWs nach LAX und DEN bringen“, waren Aussagen, die man in unseren Spielen zu hören bekam. Das finde ich jedoch völlig in Ordnung, die Aufgabe machte uns einfach Spaß. Und das obwohl ich mich zeitweise ein wenig an die Studienzeit und Vorlesungen zu Algorithmen erinnert gefühlt habe, die bei der Routenplanung helfen. Es ist halt ein sehr planbares Spiel, bei dem die Planungen aber immer wieder durch zufällige Elemente gestört werden – Das weckt Emotionen. Der Zeitfaktor ist oft unkritisch, aber er führt doch ab und an dazu, dass die Planungen nicht vollständig ausgeführt werden oder im Eifer des Gefechts einfach etwas vergessen wird. Dadurch entsteht aber auch irgendwie der Wiederspielreiz, da es immer wieder spannend ist, ob die Aufgabe heute erfüllt werden kann oder zu viele Passagiere verärgert zurück bleiben. Tim Fowers beweist mit Now Boarding wieder einmal, dass man sich seine Spiele unbedingt anschauen sollte.

Wertungsnote 5/6

Verlag: Fowers Games
Autor(en): Tim Fowers
Erscheinungsjahr: 2018
Spieleranzahl: 2 – 5 Spieler
Dauer: 30 – 60 Minuten

Vielen Dank an Fowers Games für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplares!

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