Villainous

Cover / Foto: Ravensburger

Sind wir nicht alle gerne als Kinder mit Peter Pan nach Nimmerland geflogen, haben mit Arielle unter dem Meer mitgefiebert ob sie Erik auch ohne ihre Stimme verzaubern kann und Robin Hood zugeschaut, wie er von den Reichen gestohlen hat, um es unter den Armen zu verteilen? Das sind jedenfalls einige der Helden meiner Kindheit, ich habe diese Disney-Filme schon damals geliebt und mag sie auch heute noch gerne. Doch stehen zumeist die titelgebenden Helden im Vordergrund, doch auch die Bösewichte möchten gerne mal im Rampenlicht stehen. Disney selbst hat dies erkannt und in Maleficent – Die dunkle Fee mal die ganze Geschichte aus der anderen Perspektive betrachtet. Denn auch in jedem Bösewicht, steckt zumeist ein guter Kern, der unter negativen Erlebnissen vergraben liegt. Jetzt bekommen diese Bösewichte von Ravensburger die verdiente Aufmerksamkeit, denn sie sind es, die die Spieler in Villainous zum Ziel führen wollen.

Spielmaterial:

Beim Blick auf die Schachtel fällt ein markantes Kennzeichen nicht ins Auge, die blaue Ravensburger-Ecke findet man nur auf der Rückseite. Die Vorderseite ist in einem schlichten Grünton gehalten und zeigt neben dem Spieltitel nur die Umrisse von Maleficent und den Untertitel „Böse Miene zum guten Spiel!“. Im Innern befinden sich sechs abstrakte Plastikminiaturen der Bösewichte Captain Hook (aus Peter Pan), Dschafar (aus Aladdin), der Herzkönigin (ais Alice im Wunderland), Malefiz (aus Dornröschen), Prinz John (aus Robin Hood) und Ursula (aus Arielle). Sie sind ein echter Hingucker. Zu jedem dieser Charaktere existiert ein Spielertableau, welches vier Orte aus den Geschichten zeigt sowie zwei Kartenstapel mit Bösewicht- und Schicksalskarten. Bei den Karten wurden Illustrationen aus den Original Disney.Filmen verwendet, auf den Schicksalskarten lassen sich die Helden und ihre Freunde finden, welche den Bösewichten das Leben schwer machen. Die Karten selbst sind allerdings sehr dünn. Zusätzlich gibt es zu jedem Charakter ein kleines Heftchen mit allen Besonderheiten und dem individuellen Spielziel. Die Machtchips können in ihrem Plastikbehälter in der Tischmitte platziert werden, weitere Stanzteile sind für spezielle Konstellationen enthalten.

Herzkönigin / Foto: Brettspielpoesie

Spielmechanismus:

Der Spielablauf ist recht simpel: Die eigene Spielfigur zu einem anderen Ort bewegen und dort die bis zu vier verfügbaren Aktionen ausführen. Solche sind zum Beispiel Machtchips (die Währung in diesem Spiel) zu erhalten oder eine Karte auszuspielen, die mit Machtchips bezahlt wird. Manche Charaktere haben zunächst gesperrte Orte, die erst freigespielt werden müssen, um sie betreten zu können. Die Symbole sind gut gewählt und mit der beiliegenden Übersichtskarte für jeden Spieler einsehbar. Zusätzlich hat jeder Spieler ein ein kleines Heftchen zu den Besonderheiten seines Charakters, dieses sollte vor der Partie gelesen und verstanden werden, da es die besonderen Karten und Fähigkeiten, sowie die Siegbedingung beschreibt. Denn die ist bei jedem Charakter anders. Daher stehen auch nicht allen Charakteren alle Aktionsmöglichkeiten zur Verfügung.

Spielsituation / Foto: Brettspielpoesie

Es gibt grundsätzlich einige verschiedene Kartentypen, die sich darin unterscheiden wie und wo sie ausgespielt werden. Handlanger spielt man an das untere Ende des eigenen Spielertableaus, sie können mit Gegenständen ausgerüstet werden. Entweder besitzen sie besondere Fähigkeiten oder sind einfach stark. Damit können die Helden besiegt werden, welche von den Mitspielern an den oberen Teil der Tableaus angelegt werden und dabei Aktionen verdecken, wenn Schicksal gespielt wird. Dann gibt es noch Ereignisse, die eintreten und dann direkt abgelegt werden oder Bedingungen, die sich auf die Mitspieler beziehen und gespielt werden können, wenn diese in ihrem Zug die Bedingung erreichen. Das kann z.B. sein, einen Helden der Stärke vier zu bekämpfen oder drei Handlanger ausliegen zu haben. Und so versuchen die Spieler ihre Aktionen gekonnt einzusetzen, um als Erster ihr spezielles Ziel zu erreichen.

Villainous Ursula / Foto: Brettspielpoesie

Spielende:

Jeder Spieler hat sein ganz eigenes Ziel, welches erreicht werden muss, um die Partie mit einem Sieg zu beenden. Vier der Bösewichte müssen mit erreichter Siegbedingung noch eine letzte Runde überstehen, in der die Mitspieler alles daran setzen werden, den Sieg zu verhindern. Nur Captain Hook und die Herzkönigin können sofort das Spiel beenden, wenn sie ihr Ziel erreichen.

Captain Hook / Foto: Brettspielpoesie

Spieleranzahl:

Die sechs unterschiedlichen Charaktere erlauben Villainous mit bis zu sechs Spielern zu spielen. Das kann man machen, ich rate jedoch dringend davon ab. Es dauert einfach viel zu lange, dabei sind die einzelnen Züge kaum abwechslungsreich, wodurch sich eine Partie schon bald sehr zieht. Für Partien ab fünf Spielern ist ein weiterer Token enthalten, den ein Spieler erhält, sobald bei ihm Schicksal gespielt wurde. Dieser Token schützt den Spieler bei der folgenden Schicksalsaktion. So können sich nicht alle Spieler hintereinander weg nur auf den Führenden einschießen. Dennoch entsteht dieses typische Munchkin-Gefühl: Alle kloppen möglichst auf den oder die Führenden ein, bis ein glücklicher Spieler mit seinem Ziel durchrutscht.

Besonders in Partien mit zwei Spielern ist es mit einigen Charakteren einfacher zu gewinnen, als mit anderen. King John z.B. benötigt immer mindestens eine bestimmte Anzahl an Zügen, zuvor kann manch anderer Charakter schon längst am Ziel sein, wenn die Karten vorteilhaft liegen. Kleiner Fakt am Rande: Die erste Erweiterung ist in den USA als Standalone-Erweiterung für nur 2-3 Spieler erschienen, was in meinen Augen auch die beste Spielerzahl für dieses Spiel ist.

Malefiz / Foto: Brettspielpoesie

Glücksfaktor?

Ein großer Kritikpunkt ist der hohe Glücksfaktor. Die Siegbedingungen der Charaktere sind zwar unterschiedlich, abgesehen von Prinz John erfordern jedoch alle bestimmte Karten aus dem Bösewicht- oder dem Heldenstapel. Da diese zufällig gemischt werden, können die benötigten Karten überall liegen, auch ganz oben oder ganz unten. Wer seine Karten schnell findet, hat gute Chancen auf den Sieg. Verstecken sich die Karten weit unten im Stapel, kann das ordentlich frustrieren.

Fazit:

Dieses Spiel macht es mir verdammt schwer, zu einem Fazit zu kommen. Das Material ist großartig, an jeder Ecke gibt es Referenzen auf die Disney-Filme zu entdecken, es wurden sogar Bilder aus den originalen Filmsequenzen verwendet. Die Ziele der Figuren sind direkte Verweise auf ihre Geschichten. So lässt die Herzkönigin ihre Kartenwächter zu Krockettoren aufstellen und versucht einen erfolgreichen Abschlag auszuführen, während Ursula König Triton besiegen und mit seinem Dreizack sowie der Krone in ihre Höhle gelangen muss. Prinz John will einfach nur der reichste Mann der Welt werden und Captain Hook muss Peter Pan auf der Jolly Rogers besiegen. Da hat sich das Autorenteam wirklich ernsthaft mit auseinander gesetzt. Die abstrakten Spielfiguren sehen auch klasse aus. Doch schon bei der Umsetzung gibt es erste Kritikpunkte, zum Beispiel wurde die Schreibweise für Dschafar nicht einheitlich durchgezogen, an einer Stelle findet man die englische Schreibweise Jafar. Das mag vielleicht nur eine Kleinigkeit sein, es fällt aber bei der besonders liebevollen Aufmachung einfach direkt ins Auge.

Dieses Spiel lockt mit seinem tollen Erscheinungsbild natürlich auch Wenigspieler an, die einfach auf Disney stehen und es gerne ausprobieren möchten. Doch stoßen solche Spieler schon bald an gewisse Grenzen, denn leicht zugänglich ist dieses Spiel nicht. Auch wenn die Aktionsmöglichkeiten überschaubar sind und sich im Prinzip immer wiederholen, so sind die Besonderheiten der Charaktere zu Beginn nur schwer zu überblicken. Die Spieler müssen sich erst in die Besonderheiten ihres Charakters einlesen, das drückt direkt auf die Stimmung, da man nicht einfach drauf losspielen kann. Ravensburger wird schon wissen, warum sie in der Anleitung auf ein Video der Youtuber Hunter & Cron verweisen, um den Einstieg zu erleichtern. Ich habe bei einem öffentlichen Spieletreff erlebt, wie eine Familie sich erfolglos versucht hat einzuarbeiten, nur um dann ein anderes Spiel zu wählen. Die Einstiegshürde ist also recht hoch, von daher wäre es eher erfahrenen Spielern zu empfehlen. Diesen wird wohl aber das Spielprinzip an sich nicht interessant genug erscheinen und der Glücksfaktor zu hoch sein. Damit hat das Spiel definitiv ein Zielgruppenproblem.

Die asymmetrischen Spielziele klingen zunächst nach einer spannenden Angelegenheit, doch schnell ist festzustellen, dass sich die Charaktere dann doch irgendwie alle ähnlich spielen. Jeder hat zwar ein paar Besonderheiten, aber im Grunde versuchen alle schnell ihr Deck durchzuspielen, um die notwendigen Karten zu finden und auszuspielen. Das führt sogar dazu, dass manches Mal das reine Abwerfen von Karten als einzige Aktion im Zug die beste Option darstellt. Das fühlt sich einfach nicht richtig an. Kurz vor dem Ziel gibt es von den Mitspielern meist eines auf die Mütze und man fällt zurück. Auch macht es vom Spielgefühl keinerlei Unterschied, welche Charaktere gegeneinander antreten, sie verfolgen stur ihre eigenen Ziele. Sicherlich wäre das spielmechanisch schwerer umzusetzen, ich denke aber das Ergebnis könnte interessanter sein. Auf der anderen Seite ist es leider gar nicht so einfach zu überblicken, wer gerade in Führung liegt, solange man nicht alle Charaktere vollständig kennt. Und selbst dann bleibt es schwer, da die Karten eine Menge Text zeigen. Zwar ist die Art der Karte farblich hervorgehoben, doch wurde in unseren Partien immer wieder nachgefragt, wer denn nun wie viele Karten welcher Sorte hat (da dies interessant für die Bedingungskarten sein kann) oder wer seinem Ziel gerade wie nahe ist. Auch die Aufteilung der Karten erscheint mir unglücklich. Intuitiv legt man die Karten aufeinander, da die Stärkewerte und die Kartenart jedoch am unteren Rand zu sehen sind, müsste man sie eigentlich untereinander schieben, was sich als unpraktikabel herausstellte.

Mich hat es gereizt alle Charaktere selbst einmal zu spielen, gerne würde ich auch mit jedem Charakter ein Mal gewinnen wollen. Doch ist mir mittlerweile klar, dass Sieg oder Niederlage in diesem Spiel gar nicht so sehr von meinen Entscheidungen abhängen, sondern viel mehr vom Zufall beeinflusst werden. Es gibt auch pro Charakter wenig Varianz, um das Ziel schnell erreichen zu können. Ich persönlich würde das Spiel trotz all dieser Kritikpunkte ab und an noch auf den Tisch bringen wollen, einfach um in Disney-Erinnerungen zu schwelgen, doch gehen mir einfach die Mitspieler aus, da das Spielprinzip bisher nirgends überzeugen konnte. Und so bleibt es leider ein besonders liebevoll produziertes Spiel, welches mit der Optik deutlich mehr punkten kann, als mit dem Spielprinzip selbst.

Wertungsnote 2/6

Verlag: Ravensburger
Autor(en): Prospero Hall
Erscheinungsjahr: 2019
Spieleranzahl: 2 – 6 Spieler
Dauer: 60 – 90 Minuten

Vielen Dank an Ravensburger für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplares!

Ähnliche Artikel:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.