Plan B für Einsteiger?

Cover / Foto: Brettspielpoesie
Cover / Foto: Brettspielpoesie

Es gibt Spiele, die kennt eigentlich jeder, auch Personen, die sich nur selten mit Spielen beschäftigen. Ich habe noch nie erlebt, dass ich jemandem Kniffel oder Memory erklären musste, diese Begriffe sind einfach überall bekannt. Solche Spiele sind auch überall erhältlich. Doch unter Brettspielern sind diese Spieler eher weniger beliebt. Weil sie sich nicht frisch anfühlen, weil die Mechanismen überholt erscheinen. Dennoch scheint die Nachfrage da zu sein, der Mensch kauft eben gerne, was er kennt. Oft fehlt die Bereitschaft sich neue Regeln zu erarbeiten, bei bekannten Spielen ist das nicht notwendig. Und wer moderne Brettspiele nicht kennt, weiß eben auch nicht was er verpasst. Warum also nicht mit etwas ködern, dass sich so ähnlich spielt, aber dennoch einen eigenen Kniff bereit hält, der es frischer wirken lässt. Ich habe mir einige solcher Spiele angeschaut, die aktuell erschienen sind und möchte euch diese nun vorstellen.

Memorinth

2017 ist es der Edition Spielwiese gelungen mit einem Erstlingswerk auf das richtige Pferd zu setzen, einer Abwandlung des guten, alten Memory-Prinzips. Memoarrr! landete prompt auf der Empfehlungsliste zum Spiel des Jahres 2018. An diesen Erfolg möchte der Verlag gerne anknüpfen, veröffentlichte im Frühjahr ein weiteres Spiel mit Memory-Elementen, wieder von einem Neuling als Brettspielautor. Den Grafikstil kennen wir aus Memoarrr!: Graffity-Künstler Pablo Fontagnier zeigt nun seine eigene Interpretation bekannter Märchenfiguren. Da knabbert Der gestiefelte Kater an den Schnürsenkeln von Sneakers, eine kleine Rot(z)göre trägt eine rote Strickmütze und Aschenputtels Kürbis-Kutsche ist zu erkennen.

Memorinth Märchenfiguren / Foto: Brettspielpoesie

In einem 5×5-Raster liegen abwechselnd Karten mit heller bzw. dunkler Seite aus, an jeder Seite des Rasters liegen zwei Märchenfiguren an. Die Spielfiguren der Spieler starten auf der Lichtung in der Spielmitte, von dort aus sollen die Spielfiguren aus dem Labyrinth heraus geleitet werden. Dafür drehen die Spieler pro Zug jeweils eine Karte um, ob hell oder dunkel gewählt werden muss, ist vorgegeben. Die neu aufgedeckte Märchenfigur bestimmt in welche Richtung bewegt werden darf, allerdings nur wenn dort auch ein Weg lang führt. Wer zuerst das Spielfeld in seinem Zug verlässt, gewinnt die Partie.

Memorinth Spielsituation / Foto: Brettpielpoesie

Wie bereits in der Einleitung erwähnt sollte ein Spiel, welches auf einem so bekannten Mechanismus beruht, sehr zugänglich sein. Das trifft hier leider nicht zu, die Anleitung macht den Spielern das Leben schwer. Auch wenn die Regeln nicht umfangreich sind, schafft es die Anleitung an vielen Stellen zu verwirren. Es fängt damit an, Spielmaterial zu erwähnen, welches gar nicht enthalten ist oder eine falsche Angabe zur Anzahl zu machen. Doch hört es bei der Materialauflistung nicht auf, es gibt zwei Absätze mit der Überschrift „Ziel des Spiels“, dabei beschreibt einer dieser Absätze den Spielablauf. Dazwischen befindet sich der Spielaufbau, doch zeigt das Bild daneben eine invertierte Ansicht des beschriebenen Aufbaus. Spätestens jetzt sind sicherlich alle Klarheiten beseitigt.

Memorinth Spielsituation / Foto: Brettspielpoesie

Den Spielablauf zu begreifen und loslegen zu können dauerte bei uns jedenfalls länger, als eine Partie selbst. Memoarrr! zieht eine Menge seines Reizes daraus, dass über mehrere Runden mit den gleich angeordneten Katen gespielt wird, es lohnt sich die Karten gut einzuprägen. Memorinth kann viel zu schnell vorbei sein. Zu Beginn stochern alle im Dunkeln, mit etwas Glück liegen angrenzend genau die richtigen Wegstücke um sich Richtung Ausgang zu orientieren. Und wer Pech hat, kommt nicht gut voran, ohne selbst etwas dafür zu können. Es gibt noch eine Meister-Variante mit zusätzlichen Aktionskarten, bei denen sich die Figuren nicht immer bewegen dürfen, sondern stattdessen die abgebildeten Aktionen ausführen. Dieses zusätzliche Ausbremsen sorgt vielleicht für längere Spielzeit, fordernder wird es dadurch aber nicht. Der Spielspaß bleibt gering. Ich sehe leider keinen Grund, warum ich Memorinth einem Memoarrr! vorziehen sollte.

Verlag: Edition Spielwiese / Pegasus Spiele
Autor(en): Richard Haarhoff
Erscheinungsjahr: 2020
Spieleranzahl: 2 – 4 Spieler
Dauer: 15 – 30 Minuten

Vielen Dank an Pegasus für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars!


Chili Dice

Wer den Spielablauf von Kniffel kennt, wird auch mit Chili Dice keine Probleme bekommen: Als aktiver Spieler werden alle sechs Würfel geworfen, dann kann das Ergebnis in einer der zehn Zeilen eingetragen werden. Wird auf eine bestimmte Augenzahl, ein Pasch oder eine Straße aus allen unterschiedlichen Augenzahlen gesetzt, werden die Augenzahlen einfach addiert. Auf jedem Würfel ist eine (andere) Augenzahl rot markiert. Solche Würfel dürfen direkt nach dem Wurf auf eine beliebige Seite gedreht werden oder lösen bei der Wertung eine bestimmte Funktion aus. Sie können den Wert verdoppeln oder die Eintragung flexibler ermöglichen. Statt eines Kniffels gibt es kleine und große Chilis für viele Punkte, wenn alle Würfel die gleiche Augenzahl zeigen. Als scharfe Chili wird eine Straße bezeichnet, die sich nur aus roten Augenzahlen zusammen setzt.

Chili Dice Spielsituation / Foto: Brettspielpoesie

Bei Kniffel darf zwei Mal neu gewürfelt werden, während Chili Dice keine solche Vorgabe setzt. Dafür ist die Gesamtzahl der Würfe für einen Spieler pro Partie auf 30 begrenzt, wer nicht alle verwendet erhält Zusatzpunkte. Jeder Wurf wird auf dem Zettel markiert, der Spieler muss sich nach jedem Wurf entscheiden, zu werten oder neu zu würfeln. Diese Option suggeriert Einfluss, ich kann selber entscheiden, wann ich damit aufhöre. Zumindest in gewissen Maßen, denn irgendwann sind die 30 Würfe natürlich erreicht. Rein rechnerisch macht es kaum einen Unterschied: Bei zehn möglichen Eintragungen sind 30 Würfe erlaubt, also im Schnitt drei pro Würfelwurf, wie beim Kniffel. Doch es fühlt es sich anders an, ich gebe ja schließlich selber den Ton an, kann jederzeit aufhören und mir Würfe aufsparen. Doch ist es in der Regel umgekehrt. Nach jedem nicht perfekten Wurf wird gehofft, der nächste Wurf macht alles besser. Bevor man sich mit den paar Punkten zufrieden gibt, sollte vielleicht ein weiteres Mal gewürfelt werden, um noch mehr herauszuholen. Und dann noch ein letzter Versuch und plötzlich sind alle Würfe verbraucht, aber noch gar nicht alle Felder des Wertungszettels ausgefüllt. Es darf eben nicht zu gierig agiert werden. Auch die roten Würfelaugen bieten interessante Optionen, bei denen die Spieler sich entscheiden müssen sie zu drehen oder für den Bonus bei der Wertung einzusetzen.

Leider ist die Verwaltung eher nervig. Jeder Wurf muss notiert werden, dabei kommt man schnell durcheinander. Dadurch kann das Spiel ein wenig ins Stocken geraten. Chili Dice kann sicherlich nicht mit aktuellen Roll’n’Write-Spielen mithalten, dafür bietet es nicht genügend Spieltiefe. Es gibt auch so gut wie keine Interaktion, jeder würfelt nur für sich. Das geht aber schnell und die Mitspieler können ein bisschen mitfiebern, einen anspornen, doch noch einen weiteren Wurf zu wagen oder zwei, oder drei…Wenn ich also mal wieder Gäste habe, die nur Kniffel spielen wollen, würde ich ab jetzt zu Chili Dice greifen.

Verlag: Amigo Spiele
Autor(en): Andy Daniel
Erscheinungsjahr: 2020
Spieleranzahl: 1 – 4 Spieler
Dauer: 30 Minuten

Vielen Dank an Amigo für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars!


Nope!

Als erster alle Handkarten abzulegen kann ja jeder, bei Nope! wird der Spieß einfach mal umgedreht und die Spieler versuchen so lange wie möglich im Spiel zu bleiben. Von den zunächst sieben Handkarten müssen immer so viele gelegt werden, wie die Zahl (1-3) auf der obersten Karte des Ablagestapels angibt. Und zwar in einer der Farben, welche diese Karte zeigt. Es gibt ein- und zweifarbige Karten, zusätzlich noch Sonderkarten, welche einzeln abgeworfen werden können, selbst wenn die Aufgabe eigentlich erfüllt werden könnte. Mit ihnen kann gepasst werden oder ein beliebiger Spieler bestimmt werden, der eine festzulegende Anzahl in der Farbe der gespielten Karte ablegen muss. Wer die Aufgabe nicht erfüllen kann, bestätigt dies mit einem „Nope!“ und zieht eine Karte nach. Nur wenn die Aufgabe mit der neuen Karte noch immer nicht erfüllt werden kann, geht es beim folgenden Spieler weiter.

Nope! Karten / Foto: Brettspielpoesie

Nope! ist ein witziges, schnelles Kartenspiel. So schnell, dass es manches Mal schon vorbei ist, bevor die Partie so richtig Fahrt aufnehmen konnte. Zu Beginn ist die Auswahl meist groß und fast jeder kann Karten ablegen, erst mit sinkender Handkartenzahl kommt etwas Spannung auf. Bis der erste Spieler seine letzte Karte ablegen musste und nur noch zuschauen darf. Mal nur für kurze Zeit, mal etwas länger. Zwar keine Ewigkeit, dennoch ist solch ein Ausscheiden immer unglücklich. Nicht selten wird im Anschluss trotzdem eine Revanche gefordert, um dieses Mal länger im Spiel zu bleiben. Sollte jemand bei einem Spieleabend nach Uno verlangen, sage ich einfach Nope!

Nope! Spielsituation / Foto: Brettspielpoesie

Verlag: Game Factory
Autor(en): keine Angabe
Erscheinungsjahr: 2020
Spieleranzahl: 2 – 6 Spieler
Dauer: 15 Minuten

Vielen Dank an Game Factory für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars!

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