Der Herr der Ringe: Reise durch Mittelerde

Reise durch Mittelerde Cover

Cover / Foto: Brettspielpoesie

Erst vor kurzem haben wir bei den Bretterwissern das Thema Dungeon Crawler behandelt. Zu dieser Folge konnte ich nur wenig beitragen, da mich dieses Genre bisher relativ kalt gelassen hat. Doch nun ist ein solches Spiel erschienen, welches mein Interesse geweckt hat. Mit dem richtigen Thema kann man mich eben ködern. Und nein, es hat nichts mit Schafen und auch nichts mit Sherlock Holmes zu tun. Der Herr der Ringe – Reise durch Mittelerde interessiert mich thematisch sehr, doch bringt es auch einiges mit, was mich wenig anspricht: Diverse einfarbige Plastik-Miniaturen sowie eine zwingend erforderliche App-Unterstützung. Die App soll der aus Villen des Wahnsinns ähnlich sein, welches mich thematisch völlig kalt lässt und ich daher bisher keine Berührungspunkte damit hatte. Euch erwartet nun also eine Spielvorstellung eines kompletten Newbies in diesem Genre.

Spielmaterial:

Die Spielschachtel ist groß, mit einem völlig unbrauchbaren Inlay, leider typisch für Fantasy Flight Spiele. Darin befinden sich 22 Reise- und zwei Schlacht-Spielplanteile, 31 Miniaturen sowie jede Menge kleiner Karten und unterschiedlicher Marker. Für jeden der sechs enthaltenen Charaktere gibt es eine Heldenkarte mit den Eigenschaften dieser Helden. Außerdem zwingend erforderlich ist die Installation der kostenfrei verfügbaren App. Neben der Spielregel ist auch ein Referenzhandbuch mit einem ausführlichen Glossar enthalten.

Spielsituation / Foto: Brettspielpoesie

Spielmechanismus:

Mit jeder Partie schreitet die Geschichte voran. Die Spieler können neue Orte entdecken, werden mit Bedrohungen und Angreifern konfrontiert, erfahren mehr über die vor ihnen liegenden Aufgaben. Was im Detail geschieht, verrät die App. Solange die aktuelle Bedrohung das Ende der Bedrohungsleiste nicht erreicht, wechseln sich Aktions- und Schattenphase ab. In der Aktionsphase stehen jedem Helden zwei Aktionen zur Verfügung. Reisen, Interagieren oder Angreifen sind die zur Verfügung stehenden Möglichkeiten. Interaktion und Kampf erfordern Proben, die Heldentafeln geben die Stärke in den fünf Eigenschaften Körperkraft, Weisheit, Beweglichkeit, Wille und Scharfsinn an. Dieser Wert gibt die Anzahl Karten an, die der aktive Spieler aufdecken darf und die aufgedeckten Erfolge entscheiden über den Ausgang. Vorbereitete Fertigkeiten, Gegenstände, Inspiration oder Gunstkarten können den Ausgang einer Probe beeinflussen. Die verschiedenen Gegner sind auch unterschiedlich stark, verfügen möglicherweise über gewisse Statuswerte wie Rüstung oder Magie, die es erschweren sie zu besiegen. Nicht selten muss ein Feind mehrfach angegriffen werden.

Reisespielplan / Foto: Brettspielpoesie

In der Schattenphase werden Feinde aktiviert, sie bewegen sich auf die Helden zu und können ggf. angreifen, Helden in Dunkelheit erleiden Furcht und die Bedrohung erhöht sich. Angriffe können mittels Proben abgemildert oder verhindert werden. Danach dürfen die Helden kundschaften, was nichts anderes bedeutet, als ihren Fertigkeitskartenstapel zurückzusetzen und die ersten Karten zu ziehen. Eine Karte davon darf vorbereitet, also ausgelegt werden, um ihre Fähigkeit später nutzen zu können. Maximal dürfen bei jedem Helden vier solcher Karten ausliegen, die restlichen, gezogenen Karten dürfen die Spieler beliebig auf oder unter ihren Stapel legen. Das gibt einen ersten Eindruck über die Möglichkeiten bei einer folgenden Probe.

Schlachtspielplan / Foto: Brettspielpoesie

Spielende:

In jeder Partie bekommen die Helden Aufgaben gestellt. Um eine Partie siegreich zu beenden, muss die finale Aufgabe erfüllt werden, bevor der Bedrohungsbalken das Ende erreicht. Übersteigt die Bedrohung das Ende der Leiste, verlieren die Spieler sofort. Sollte ein Held besiegt werden, haben die anderen Spieler nur noch bis zur folgenden Schattenphase Zeit, um das Ziel zu erreichen oder sie verlieren die Partie. In der folgenden Partie wird die Kampagne auf jeden Fall weiter geführt, egal ob die zuvor gespielte Partie gewonnen oder verloren wurde. Dabei wird der Ausgang einer Partie durchaus Auswirkungen auf folgende Partien und die gesamte Geschichte haben. Insgesamt besteht die Kampagne aus über 10 Partien.

Zwischen zwei Partien haben die Spieler Möglichkeit mit ihrer Erfahrung und dem Wissen der Gruppe Fähigkeitskarten, Ausrüstungen und Gegenstände „aufzuleveln“. Sobald ein gewisser Wert erreicht oder überschritten wurde, kann die zugehörige Karte gegen eine bessere ausgetauscht werden.

Spieleranzahl:

Wir haben die Kampagne nur zu zweit gespielt, da wir in unseren Spielerunden derzeit nicht die Möglichkeit gesehen haben, ein Spiel in kurzen Abständen über 10 und mehr Partien zu erleben. Für uns hat es zu zweit gut funktioniert. Die App steuert diverse Elemente in Abhängigkeit der Spielerzahl, beispielsweise wirkt sie sich auf den Anstieg der Bedrohung in der Schattenphase aus, das scheint insgesamt gut zu skalieren. Es gab nur einige wenige Momente, in denen für jeden einzelnen Spieler etwas ausgelöst wurde, da haben wir uns zu zweit ein wenig benachteiligt gefühlt.

Glücksfaktor?

Das gesamte Spielmaterial ist generisch, die Geschichte wird von der App generiert. So können sich die einzelnen Partien einer Kampagne durchaus anders spielen, mit anderen Spielplanteilen, unterschiedlichen Nebenquests und sicherlich auch Unterscheidungen in der Anzahl Gegner oder den Bedrohungen, wodurch es sich mal schwerer oder leichter anfühlen kann. Dabei ist an verschiedenen Stellen auch Glück im Spiel. Zum Beispiel welche Helden in der Schattenphase angegriffen werden, bei dem einen passt es vielleicht gerade besser als bei einem anderen. Auch die Reihenfolge der Karten ist in vielen Momenten entscheidend. Auf diese kann man nur zu einem geringen Teil Einfluss nehmen.

Fazit:

Uns hat die gesamte Kampagne viel Spaß bereitet. Auch wenn sie mit der titelgebenden Lizenz Der Herr der Ringe nur wenig gemeinsam hat. Das beginnt schon bei den Helden, oder sind euch etwa die Personen Beravor oder Elena in diesem Kosmos geläufig? Mir nicht und ich bin mir ziemlich sicher dass diese Heldinnen nur erschaffen wurden, um genderkonform auch Frauen zur Auswahl zu haben. Die Gefährten aus Der Herr der Ringe sind nun mal alle männlich. Doch auch bei den männlichen Charakteren passt nicht alles. Aragorn, Gimli und Legolas waren nicht mit Bilbo unterwegs, sondern Jahrzehnte später mit dessen Neffen Frodo. Die Geschichten, die in diesem Spiel erlebt werden können, haben ebenfalls nur wenig mit den bekannten Geschichten von J.R.R. Tolkien gemein. Doch es wäre vermutlich weniger spannend die Geschichten der Bücher/Filme einfach nachzuspielen, statt selbst eigene Geschichten zu erleben. Zumindest mir fiel es leichter sich die Geschichten vor dem eigenen Auge auszumalen, da eben bekannte Widersacher (Orks, Wargs, Ringgeister, etc.) oder Gegenden (z.B: Auenland) vorkommen. Auch wenn die Spielplanteile selbst überhaupt nicht an solche erinnern, sie zeigen einfach nur generische Landschaften, wobei ein und dasselbe Spielplanteil sogar innerhalb einer Kampagne für ganz unterschiedliche Gegenden genutzt wird.

Die App ist das zentrale Element, in dem sich sehr viel abspielt, wer damit nichts anfangen kann, sollte die Finger von diesem Spiel lassen. Die Spielplanteile wirken fast schon als reines Beiwerk, doch sie sind natürlich entscheidend, um die Positionen der Helden und Feinde festzuhalten. Die Texte müssen in der deutschen Variante leider allesamt von den Spielern vorgelesen werden, durch Zufall entdeckten wir, dass die englische Version über eine Sprachausgabe verfügt. Ich kann mir gut vorstellen, dass diese in der deutschen Version noch nachgereicht wird, diese Optionen bietet eine solche App schließlich. Leider gibt es in der App keine Option, um etwas rückgängig zu machen, wenn man sich mal verklickt haben sollte.

Die Geschichte der Kampagne ist okay, sie ist jetzt nicht wirklich mitreißend spannend, aber die einzelnen Partien können es durchaus werden, vor allem wenn es knapp wird das Ziel zu erreichen. Es gibt immer wieder kleine Nebenquests, die für den Fortschritt der Geschichte irrelevant erscheinen, die aber einfach schöne Elemente hinein bringen und entdeckt werden wollen. Besonders für Menschen wir mich, denen der reine Kampf in solchen Spielen noch am wenigsten gefällt. Wohl ein weiterer Grund, warum mir die Abenteuer auf den Reisespielplänen besser gefallen haben. Der Kampf wird während der Kampagne oft zur Nebensache, da die Aufgaben nicht immer erfüllt werden können, wenn zu viele Runden dem Kampf gewidmet werden. Im Laufe einer Partie kann es allerdings auch mal recht unübersichtlich werden. Wenn zu viele Karten ausliegen, muss ganz schön aufgepasst werden, um keine Fähigkeit oder Eigenschaft im Kampf oder bei den Proben zu vergessen.

Ich habe von diesem Spiel aufgrund meiner generellen Genre-Abneigung wenig erwartet, doch wurde positiv überrascht. Mir hat die Kampagne gefallen, ich würde dieselbe Kampagne wohl sogar ein weiteres Mal spielen, mit etwas Abstand zumindest. Schließlich kann ich andere Helden wählen, sie mit anderen Rollen ausstatten und auch völlig neue Nebenquests entdecken. Das erste Zusatzmaterial ist bereits angekündigt, im dritten Quartal soll ein Figurenpack mit neuen Figuren und Karten erscheinen sowie ein weitere Kampagne in der App. Ich bin jedenfalls gespannt, wohin uns diese Reise noch führt.

Wertungsnote 5/6

Verlag: Fantasy Flight Games / Vertrieb: Asmodee
Autor(en): Nathan I. Hajek, Grace Holdinghaus
Erscheinungsjahr: 2019
Spieleranzahl: 1 – 4 Spieler
Dauer: 60 – 120 Minuten

Vielen Dank an Asmodee für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplares!

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