Mercado

Mercado Cover

Cover / Kosmos Verlag

Wolfgang Warsch ist im aktuellen Jahrgang etwas einzigartiges gelungen: Drei seiner vier im Frühjahr herausgebrachten Spiele wurden von der SdJ-Jury nominiert. Auch Erfolgsautor Rüdiger Dorn hat in diesem Frühjahr zwei Spiele ins Rennen geschickt: Luxor und Mercado. Während das eine die Jury zur Nominierung zum Spiel des Jahres animiert hat, fliegt das andere gefühlt etwas „unter dem Radar“. Zudem ist es unglücklicherweise parallel zu Die Quacksalber von Quedinburg erschienen, bei dem ebenfalls Spielmaterial aus einem Beutel gezogen wird. Gegen letzteres kann Mercado leider optisch nicht mithalten, es wirkt eher bieder, besitzt nicht diesen Aufforderungscharakter. Doch ich möchte heute beleuchten, was sich hinter der Fassade befindet.

Spielmaterial:

Das Spiel ist toll ausgestattet. Jeder Spieler erhält seinen eigenen Beutel, der sogar mit der Spielerfarbe gekennzeichnet wird. Diese kleinen Pappschilder zeigen, genau wie die kleinen Personentafeln, eine weibliche und eine männliche Person pro Farbe. Im Beutel befinden sich bei Partiebeginn jeweils 25 Holzmünzen in den Farben blau, bronzen, gold, silber und schwarz. Weitere schwarze und weiße Münzen liegen bei, genauso wie zwei Ersatzplättchen pro Farbe. Es gibt einen doppelseitig unterschiedlich bedruckten Spielplan, vier Spielermarker aus Holz, 36 Warentafeln und zwei Markttafeln. Die Markttafeln haben an jeder Seite eine farbliche Markierung, entsprechend der Spielerfarben. Privilegien, Siegel und ein Startplättchen sind als Stanzteile enthalten. Das Spielmaterial wurde wunderbar illustriert, allerdings wirkt das Gesamtbild eher dunkel und etwas altbacken. Es lädt nicht unbedingt dazu ein, direkt losspielen zu wollen. Die Münzmarker sind bei schlechter Beleuchtung leider teilweise  schwer zu unterscheiden.

Mercado Markttafeln

Markttafeln / Foto: Brettspielpoesie

Spielmechanismus:

Am besten setzen sich die Spieler so, dass ihre Spielerfarbe auf den Markttafeln zu ihnen zeigt, um Verwechslungen zu vermeiden. Es liegen immer zwei dauerhafte Markttafeln, vier wertvolle Gegenstände und zwei betörende Düfte aus. Die Spieler gehen als Händler auf den Markt und bekommen dort diese Waren angeboten, um sie zu erwerben. Dies muss nicht in einem Zug passieren, es kann zunächst eine Anzahlung getätigt werden. Pro Zug dürfen nämlich nur drei Münzen aus dem eigenen Beutel gezogen werden, wer ein Siegel einsetzt darf zwei weitere nachziehen. Ein Fünftel der Münzen im eigenen Beutel sind dabei wertloses Falschgeld. Alle anderen Münzen können nach Belieben den angebotenen Waren zugewiesen werden. Doch sichert solch eine Anzahlung noch keinen Kauf ab, sollte ein anderer Spieler schneller sein, erhält er die Punkte und ggf. weitere Belohnungen. Die angezahlten Münzen erhalten die anderen Spieler zurück in ihre Beutel, der Spieler mit den zweit meisten Münzen bekommt zusätzlich ein Siegel dazu.

Mercado Spielsituation

Spielsituation / Foto: Brettspielpoesie

Neben Siegpunkten, Jokern und Siegeln kann es auch ein Privileg als Belohnung geben. Privilegien bringen Punkte und manche zusätzlich einen Bonus in Form von Siegeln oder dem Entfernen von Falschgeld aus dem eigenen Beutel. Für erhaltene Siegpunkte wandert der eigene Marker auf dem Spielplan entsprechend voran. Manche Felder belohnen bzw. bestrafen den Spieler, der dort landet. Aber nur wenn in diesem Moment kein anderer Marker dort steht. Man versucht sich daher oft auf die Punktzahlen zu konzentrieren, die einem den besten Weg über die Punkteleiste des Spielplans ermöglichen. Die betörenden Düfte geben oft null Siegpunkte, dafür aber andere starke Belohnungen. Wenn sie Siegpunkte einbringen, dann keinen festen Wert sondern den Punktwert der folgenden Martktafel mit einem wertvollen Gegenstand.

Mercado Spielplan

Spielplan / Foto: Brettspielpoesie

Spielende:

Sobald der erste Spieler mit seinem Marker das Startplättchen erreicht oder darüber hinweg zieht, wird nur noch die laufende Runde zu Ende gespielt. Es gewinnt, wer am Ende mit seinem Marker am weitesten kommen konnte, zuvor werden noch Punkte für Siegel und Privilegien vergeben, zusätzliche Boni der Privilegien verfallen nun.

Spieleranzahl:

Am besten gefällt mit Mercado in Vollbesetzung mit vier Spielern. Dann kommt man sich zwangsläufig in die Quere, was dem Spiel etwas mehr Würze verleiht. Zu zweit kann man sich doch recht gut aus dem Weg gehen, sollte aber besonders zu zweit hier und da mal eine Münze platzieren, um leicht an das Trost-Siegel zu gelangen. Durch einige Belohnungen der Marktafeln kommt es zur direkten Interaktion, wenn den Mitspielern Falschgeld untegejubelt wird oder sie Siegel und/oder Privilegien abgeben müssen. Vorausschauend geplant hat der Spieler, der in diesem Moment nicht über solche Elemente verfügt und daher nichts abgeben kann.

Glücksfaktor?

Wenn Münzen aus dem Beutel gezogen werden, ist dies natürlich zufällig und kann mal besser, mal schlechter zu den ausliegenden Waren passen. Umso mehr Münzen den Beutel verlassen haben, desto mehr entwickelt es sich vom glücklichen Zufall jedoch zur Abschätzung von Wahrscheinlichkeiten. Ich weiß genau wie viele Münzen im Beutel sein müssten, beim Falschgeld und Jokern muss ich mir dafür natürlich jede hinzugekommene Münze merken. Dann kann ich abschätzen, wie wahrscheinlich es ist, nun eine benötigte Münze zu ziehen. Auch die Münzen der Mitspieler können auf diese Weise analysiert werden, um besser einzuschätzen wer einem aktuell bei einer bestimmten Ware gefährlich werden kann. Auch wenn die Einschätzungen immer konkreter werden, kann man natürlich das Pech am Hacken haben und die gewünschten Münzen dennoch nicht im richtigen Moment ziehen.

Bei den betörenden Düften mit dem Fragezeichen als Punktwert ist zunächst ungewiss, wie viele Punkte der Kauf einbringt. Diese können zwischen zwei und sieben liegen, also ist es hier durchaus von Vorteil das Glück auf seiner Seite zu haben.

Fazit:

Ich finde es wirklich schade, dass die äußeren Werte das gute Spiel dahinter etwas verschleiern. Der Einstieg gelingt sehr schnell, es gibt ja nur zwei mögliche Aktionen, sodass auch weniger erfahrene Spieler sich schnell zurecht finden. Bei diesem Spiel steht zwar ein Beutel im Mittelpunkt, dennoch würde ich hier nicht von einem Bagbuilding-Spiel sprechen. Außer Falschgeld, welches man eigentlich nicht möchte, oder Jokern, die nach jedem Einsatz wieder weg sind, kann man den Inhalt seines Beutels nicht erweitern. Lediglich Falschgeld zu entfernen ist eine Option. Der Beutel wird in der Regel so lange leer gespielt, bis nicht mehr genügend Münzen enthalten sind, bevor wieder alle Münzen von der Personentafel hinein gelangen. Solch ein Zug ist schließlich vollkommen unproduktiv, da man damit nichts an der gemeinsamen Marktauslage ändern kann, aber zu einem gewissen Zeitpunkt lässt es sich nicht mehr vermeiden. Der Glücksfaktor steigt in der Folge wieder etwas an, die Wahrscheinlichkeiten können erst wieder besser abgeschätzt werden, wenn einige Münzen den Beutel verlassen haben.

Man kann taktisch planen, welche Waren mit ihren Punktzahlen sinnvoll erscheinen, um auf der Punkteleiste vorzurücken, doch ob man dann auch die richtigen Münzen zieht, steht auf einem völlig anderen Blatt. Selbst wenn vier goldene Münzen benötigt werden, ein Spieler drei schon liegen hat, kann ihm ein Mitspieler zuvor kommen, der im richtigen Moment die geforderten Münzen zieht. Dann bekommen die anderen Spieler ihr eingesetzten Münzen wieder zurück, doch es kann passieren, dass gar keine Ware mehr genau diese Münzart benötigt. Diese leichte Ungewissheit gehört bei Mercado dazu, es löste in unseren Partien immer Emotionen aus. Natürlich kann ein Spieler in einer Partie vom Glück bevorteilt werden, dann wird eben sogleich eine Revanche gespielt, eine Partie dauert schließlich nicht lange. Im direkten Vergleich zu Die Quacksalber von Quedlinburg geben mir die erwähnten taktischen Entscheidungsmöglichkeiten hierbei zumindest das Gefühl, mehr Einfluss zu haben. Man spielt hier weniger nebeneinander her, sondern kann sich gegenseitig etwas austricksen, wie es sich als Konkurrenten auf dem Markt gehört.

Wertungsnote 4/6

Verlag: Kosmos Verlag
Autor(en): Rüdiger Dorn
Erscheinungsjahr: 2018
Spieleranzahl: 2 – 4 Spieler
Dauer: 30 Minuten

Vielen Dank an Kosmos für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplares!

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