Spiel des Jahres 2020 – Sieger

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Im Jahr 2020 ist alles ein wenig anders. Eigentlich wollte ich, wie üblich, den Bericht zur BerlinCon 2020 mit der Bekanntgabe der Sieger des Spiel und Kennerspiel des Jahres und frischen Eindrücken von der Presiverleihung abschließen. Doch die BerlinCon wurde wegen der aktuellen Lage auf den Dezember 2020 verschoben, also kann ich natürlich auch noch nicht darüber berichten. Und die SdJ- Preisverleihung fand in sehr kleinem Rahmen statt, sodass ich auch dort nicht dabei sein konnte. Bekanntgegeben wurden die diesjährigen Gewinner natürlich dennoch. Neben einem Favoritensieg gab es eine kleine Überraschung.

Auch in diesem Jahr wurde die Veranstaltung wieder besonders eingeleitet. Zwar war dieses Mal keine Staatsministerin eingeladen, dafür gab es einen interessanten Bericht vom Blog Spiel doch Mal!. Darin wurde Erfolgsautor Klaus Teuber interviewt, dessen Spiel Die Siedler von Catan vor genau 25 Jahren zum Spiel des Jahres ernannt wurde und damit den Weg für die modernen Brettspiele, wie wir sie heute kennen, ebnete. Verfolgen konnten alle Interessierten die gesamte Veranstaltung, wie auch schon in den vergangenen Jahren, durch einen Live-Stream.

Die Nominierten wurden in kleinen Einspielern vorgestellt und von Jury-Mitgliedern kommentiert. Für die Autoren und Verlagsverteter gab es es Urkunden, auch wenn viele in diesem Jahr nicht direkt übergeben werden konnten. Nur Thomas Sing, Autor von Die Crew, war persönlich vor Ort. Die anderen Autoren der nominierten Kennerspiele, Jordy Adan (Der Kartograph) aus Brasilien sowie Hjalmar Hach und Lorenzo Silva (The King’s Dilemma) aus Italien wurden per Video-Stream dazu geschaltet.

Da der Sprecher der SdJ-Jury Bernhard Löhlein verhindert war, übernahm Jury-Neuling Manuel Fritsch gekonnt die Moderation. Gemeinsam mit dem Vorsitzenden der Jury, Harald Schrapers, enthüllte er die beiden Sieger-Titel, was nicht ganz ohne Malheur von statten ging. Beim Kennerspiel des Jahres-Pöppel war die angebrachte Abbildung des Siegercovers scheinbar nicht gut befestigt, denn es löste sich direkt bei der Enthüllung. So dauerte es noch einen weiteren Moment bis bekannt wurde, dass Die Crew zum Kennerspiel des Jahres 2020 ausgezeichnet wurde.

KSdj 2020 Screenshot / Foto: Brettspielpoesie

Ein klarer Favoritensieg würde ich sagen. Auch wenn ich Der Kartograph ebenfalls weit vorne gesehen habe, hätte es mich doch stark gewundert, wenn die Entscheidung nicht auf Die Crew gefallen wäre. Während Der Kartograph bekannte Spielelemente gekonnt kombiniert, liefert Die Crew ein neuartiges Spielerlebnis auf Grundlage eines bekannten Spielmechanismus. Stichspiele gibt es viele, aber die wenigsten davon sind kooperativ. Auch wenn es offiziell heißt, dass jedes nominierte Spiel die selben Chancen auf den Sieg hätte, nahm The King’s Dilemma in meinen Augen die gleiche Rolle wie Detective im letzten Jahr ein: Ein großartiges Spiel, welches jedoch ein bestimmtes Zielpublikum anspricht. Die Spieler müssen sich eine gewisse Zeit an das Spiel binden, um es in vollen Zügen genießen zu können.

Auch die Nominierten zum Spiel des Jahres wurden zunächst in kurzen Einspielern vorgestellt. Uwe Rosenberg war der einzige Autor vor Ort, sein Co-Autor Corné van Morsel wurde ebenso wie Reiner Knizia und Daniela und Christian Stöhr per Video hinzugeschaltet. Es gab auch kleine Anekdoten zur Entstehung der nominierten Spiele. Bei Nova Luna was es die Nichte von Uwe Rosenberg, die mit ihrem Onkel unbedingt ihr aktuelles Lieblingsspiel Habitats spielen wollte. Sie gewann die Partie locker, denn Uwe hatte sofort Ideen zur Weiterentwicklung im Kopf und konnte sich gar nicht mehr richtig auf die Partie konzentrieren. Reiner Knizia lies es sich auch in diesem Jahr nicht nehmen, das passende Outfit zu seinem Spiel zu tragen und zeigte sich mit gelbem Bauhelm, Hammer und Nagel. Sein Bestreben war es mit My City auch weniger erfahrenen Spielern ein Legacy-Erlebnis zu ermöglichen. Daniela Stöhr fotografiert gerne, was sie zu einem großen Bilderpool führte, um die ersten Prototypen von Pictures zu entwickeln. Sicherlich ohne auch nur einen einzigen Gedanken daran zu verschwenden, damit das nächste Spiel des Jahres entwickelt zu haben. Doch genau dieser Titel wurde als nächstes enthüllt, Pictures ist das Spiel des Jahres 2020.

SdJ 2020 / Foto: Spiel des Jahres e.V.

In den vergangenen Jahren, hatte ich immer einen ziemlich guten Riecher, was die Siegertitel angeht. Doch dieses Jahr war mich mir so unsicher, wie lange nicht. My City war bis vor kurzem mein Favorit, da es den Spielern durch das Legacy-Prinzip ein außergewöhnliches Spielerlebnis bietet. Aber genau dieser Legacy-Teil könnte auch die Krux sein, denn so ist es eben nicht jedes Jahr zu Weihnachten erneut spielbar. Zwar hat der Verlag eine Variante eingefügt, die sich immer wieder spielen lässt, doch verliert diese in meinen Augen schnell an Reiz. Vor allem, nachdem die Kampagne durchgespielt wurde, da diese viel mehr spannende Spielelemente enthält. Nova Luna ist auch ein tolles Spiel und Autor Uwe Rosenberg hätte es wirklich mal verdient, seine langjährige gute Arbeit auch mit einer Spiel des Jahres-Auszeichnung zu krönen, die ihm bisher verwehrt blieb. Bis ich Pictures erstmalig gespielt hatte, sah ich es weit abgeschlagen auf dem dritten Platz. Doch kam es in allen Partien hervorragend an, es wurde viel gelacht und alle hatten Spaß. Ist es nicht genau das, was einen guten Spiel des Jahres-Titel ausmacht!? Die Jury hat in meinen Augen dieses Jahr eine tolle Nominierungsliste zusammen gestellt, mit drei sehr unterschiedlichen Spielen, die zum Teil sicherlich auch völlig andere Spielertypen ansprechen. Während bei My City und Nova Luna jeder Spieler vor allem an seiner eigenen Auslage puzzelt, entsteht bei Pictures ein tolles Gemeinschaftsgefühl.

Was sich nicht geändert hat, ist die Kritik an der Kritikerentscheidung, wenn man sich in den sozialen Netzwerken so umhört. Manche verstehen nicht, wieso nach Just One im letzten Jahr wieder ein solches Party-Spiel gewinnen konnte. Doch jeder Spielejahrgang wird natürlich für sich betrachtet und das ist auch gut so! Es wäre doch mehr als unglücklich, wenn bestimmte Spiele unabhängig vom Spielspaß gar nicht zur Auswahl stehen würden, nur weil im Jahr zuvor bereits ein Spiel aus demselben Genre gewonnen hat. Andere stören sich daran, dass beide Siegertitel erst ab drei Spielern zu spielen sind (mal von der 2-Spieler-Variante für Die Crew abgesehen) und manche Familien eben nur zu zweit wären. Aber das Spiel des Jahres beschränkt sich nicht auf Familienspiele, die ausgezeichneten Spiele „sollen möglichst viele Menschen vom Wert des Kultur- und Freizeitmediums Spiel überzeugen“, wie es auf der Homepage des Spiel des Jahres-Verein zu lesen ist. Und das erfüllt Pictures sicherlich am besten von diesen Dreien. An einigen Kritikpunkten wurde auch direkt gearbeitet: Es wird in der nächsten Auflage nicht nur eine überarbeitete Anleitung mit zwei Spielvarianten geben, sondern auch fast doppelt so viele Bildkarten, wie zuvor. Wer die erste Auflage bereits besitzt, muss nun aber nicht traurig sein, denn der Verlag bietet diese zusätzlichen Karten auch separat an: Fotokarten der 2. Auflage Ich denke, wenn das Spiel trotz dieser Schwäche so von sich überzeugen konnte, spricht das doch nur noch mehr für dieses Spiel.

Die Auszeichnung freut mich besonders für das Ehepaar Stöhr, die ihr Glück kaum fassen konnten und den PD Verlag, dessen Inhaber, Peter Dörsam, es scheinbar ähnlich erging. Der Verlag war bereits 2014 mit Concordia zum Kennerspiel des Jahres nominiert, konnte sich damals aber nicht gegen Istanbul durchsetzen. Nicht wenige Spieler waren auf der vergangenen SPIEL erstaunt, plötzlich ein Partyspiel beim diesem Verlag zu entdecken, der bisher vor allem mit der Veröffentlichung der Strategiespiele von Mac Gerdts aufgefallen war. Ich bin jedenfalls schon sehr gespannt, was wir in den kommenden Jahren dort noch erwarten können.

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