Spiel des Jahres 2020 – Prognose

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Alle Jahre wieder wird den Nominierungen zum Spiel des Jahres entgegen gefiebert. Und auch wenn in diesem Jahr vieles anders ist, so bleibt diese eine Konstante bestehen: Es wird ein Spiel des Jahres und ein Kennerspiel des Jahres ausgezeichnet, vermutlich auch ein Kinderspiel des Jahres. Beim Kinderspiel führen die vielen Einschränkungen zur Eindämmung des Corona-Virus zu größeren Problemen, da den Jury-Mitgliedern viele ihrer Mitspieler dadurch nicht zur Verfügung stehen. Doch genau die Kinder sind es, deren Erfahrungen beim Kinderspiel des Jahres den Ausschlag geben. Das sieht beim Spiel/Kennerspiel des Jahres ein wenig anders aus. Die Jury hat vor diesen Einschränkungen ausreichend Zeit gehabt, die Spiele zu sichten und wird daher beide Auszeichnungen vergeben. Es kann allerdings sein, dass einige der ganz aktuellen Titel nicht mehr in die Auswahl gelangt sind, diese würden im kommenden Jahr berücksichtigt. In welchem Rahmen die Verleihung statt finden wird, ist ebenfalls noch nicht bekannt.

Ich habe mich bereits im Beeple Talk Radio zu Ostern und auch bei den Bretterwissern zu meinen Tipps geäußert, heute schreibe ich meine Gedanken hier auf, da sicherlich nicht alle meiner Leser auch Podcasts hören. Und so richtig festlegen kann ich mich eigentlich trotzdem nicht, da ich es in diesem Jahr besonders schwer finde. Nicht etwa, weil es ein schwacher Jahrgang wäre, es sticht nur kein Spiel besonders hervor, wie es 2018 bei Azul der Fall war. Dafür sind viele gute Spiele erschienen, die für die Auswahl in Betracht kommen. Dabei lässt sich die Jury in diesem Jahr erstaunlich gut in die Karten schauen, schließlich gibt es mittlerweile sehr regelmäßig die Kritikenrundschau, bei der Kernaussagen aus den Rezensionen mehrerer Jury-Mitglieder zusammen geschrieben werden. Dennoch fällt es mir schwer eine Prognose abzugeben.

Die heutige Liste von mir wird nicht exakt mit den zuvor im Podcast genannten übereinstimmen. Und auch bei einigen Titeln, die ich aufführen werde, kann sicherlich darüber gestritten werden, ob es beim Spiel oder beim Kennerspiel besser aufgehoben wäre. Die Abgrenzungen sind nicht eindeutig, von daher kommt es auf die Entscheidung der Jury an. Ich habe für die Aufzählung meinen persönlichen Eindruck gewählt, doch hätte ich auch niemals Die Quacksalber von Quedlinburg als Kennerspiel ausgezeichnet, auch wenn ich die Begründung im nachhinein nachvollziehen kann. Viel mehr glaube ich daran, dass die Einordnung durchaus situativ sein kann und von der gesamten Spieleauswahl abhängt. Ich erkläre später, welche Gedanken mich dazu veranlasst haben bzw. darauf hoffen lassen.

Kinderspiel des Jahres

Ohne eigene Kinder kann ich auch in diesem Jahr kaum einschätzen, welche Veröffentlichungen Potenzial zum Kinderspiel des Jahres haben. Einen Titel möchte ich aber gerne aufführen, den ich bereits selbst mit Kindern gespielt habe, die gar nicht genug davon bekommen konnten. Wir haben ihnen das Spiel kurzerhand ausgeliehen und es wurde in den darauffolgenden Tagen rauf und runter gespielt. Es geht um Similo Märchen (Martino Chiacchiera, Hjalmar Hach, Pierluca Zizzi – Horrible Guild/HeidelBÄR Games), bei dem 16 Karten mit liebevoll illustrierten Märchenfiguren ausliegt, von denen eine Karte gefunden werden soll. Ein Spieler schaut sich zu Beginn eine Karte an und verteilt im weiteren Verlauf Hinweise, indem er Karten von der Hand hochkant oder quer auslegt, um anzuzeigen, dass diese Karte eine Gemeinsamkeit mit der gesuchten Karte hat, oder eben nicht. Das macht auch Erwachsenen Spaß, sie können dann auch zwischen Märchen, Geschichte und mittlerweile sogar Mythen wählen. Als Kinderspiel kommt für mich explizit die Märchenvariante in Frage, Geschichte finde ich auch unter Erwachsenen schwieriger und Mythen habe ich noch nicht gespielt.

Kennerspiel des Jahres

Beim Kennerspiel hoffe ich sehr auf eine Nominierung für The King’s Dilemma (Hjalmar Hach, Lorenzo Silva – HorribleGuild/HeidelBÄR Games). Dieses Spiel benötigt nicht viele Regeln, der Spielablauf ist an sich sehr einfach und überschaubar, doch die Geschichte macht dieses Legacy-Spiel zu etwas besonderem. Sie ist auf viele Karten verteilt, die sich in kleinen Umschlägen befinden, von denen nicht alle ins Spiel gelangen werden. Jede Gruppe erlebt ihre ganz persönliche Entwicklung des Landes, indem jede Runde über eine Entscheidung verhandelt wird. Diese wirkt sich kurzfristig auf die Ressourcen des Landes aus, doch kann durch Unterschriften auf Stickern und Karten auch langfristige Folgen für einen Spieler haben. Es ist häufig ein Balanceakt zwischen den kurzfristigen Rundenzielen und der langfristigen Entwicklung des Landes und ihrer Gesellschaft. Zumindest wenn es den Spielern gelingt sich vom reinen Mechanismus zu lösen und tief in ihrer Rolle stecken. Dies kann durchaus ein Kritikpunkt sein, genau wie eine feste Gruppe von 4-5 Leuten, die sich für die gesamte Kampagne finden sollte. Daher glaube ich nicht an die Auszeichnung, doch eine Nominierung hätte das Spiel mit seinem neuartigen Dilemma Card System auf jeden Fall verdient.

Chancen auf eine Nominierung hat meiner Meinung nach auch Nova Luna (Uwe Rosenberg – Edition Spielwiese / Pegasus Spiele). Der Verlag stuft das abstrakte Plättchenpuzzle als Familienspiel ein, doch empfinde ich die Regel mit den Reihen aus gleichfarbigen Plättchen, die ebenfalls als angrenzend gelten, nicht einfach zu vermitteln bzw. zu verstehen. Daher würde ich es beim Kennerspiel einordnen.

Der Sieger steht in meinen Augen bereits fest, es ist für mich Der Kartograph. (Jordy Adan – Pegasus Spiele) Dieses anspruchsvolle Flip’n’Write-Spiel vereint das zugängliche Karte Aufdecken und auf dem eigenen Wertungsblatt Einzeichnen mit dem spannenden Wertungsmechanismus von Isle of Skye: In jeder Runde wird eine Kombination aus zwei Wertungen ausgelöst, die zu Beginn der Partie bekannt sind. Darauf können die Spieler ihr Land ausrichten, in jeder Runde können Sie zwischen zwei Landschaftsarten oder Tetrisformen wählen, die jeweils andere Option ist fest vorgegeben. Für ein wenig Interaktion in diesem sonst recht solistischem Spiel sorgen die Monsterkarten, bei denen ein Mitspieler ein vorgegebenes Monster platziert, welches für Minuspunkte sorgen kann, wenn sich nicht darum gekümmert wird.

Genau wie The King’s Dilemma zeichnet sich auch Fog of Love (Jacob Jaskov – Pegasus Spiele) durch ein besonderes Spielsystem aus. Auch hierbei steht und fällt das Spiel mit der Bereitschaft der Spieler in das Rollenspiel einzutauchen, ansonsten bleibt mechanisch nicht viel Spiel über, dann wäre es ein stumpfes Klötzchen verschieben auf den unterschiedlichen Leisten. Zudem haben es Spiele für genau zwei Personen in der Vergangenheit bei der Jury schwer gehabt.

Ebenfalls in Frage kommen für mich die beiden kleinen Stadtbauspiele, Little Town (Aya & Shun Taguchi – iello) und Tiny Towns (Peter McPherson – Pegasus Spiele). Little Town ist ein zugängliches Worker Placement Spiel mit einem Kniff, der es auch für erfahrenere Spieler interessant macht. Die Spieler haben lediglich die Wahl mit ihrem Arbeiter ein Gebäude zu errichten oder ihn auf der Landschaft zu platzieren, um angrenzende Gebäude und Produktionen zu aktivieren. Doch wo ein Arbeiter steht, kann kein anderer eingesetzt und auch kein Gebäude platziert werden. Das ist zunächst gar nicht so einfach zu durchschauen.

Wie auch schon Nova Luna wird Tiny Towns vom Verlag als Familienspiel eingestuft, das sehe ich ein wenig anders, denn die Puzzleaufgabe ist zwar einfach zu verstehen, aber nicht leicht umzusetzen. In der ersten Partie ist die eigene Stadt ruck zuck voll mit Baumaterial und schon bald kann nichts mehr gebaut werden. Doch mit jeder Partie lernen die Spieler besser zu planen und tolle Städte entstehen zu lassen. Für Variation sorgen einige Karten, welche denselben Gebäuden unterschiedliche Funktionen geben. Das erinnert mich an die Quacksalber mit den verschiedenen Funktionen für die Zutaten.

Mit Blick auf die guten Kritiken, die so im Netz zu vernehmen sind, könnte auch Paladine des Westfrankenreichs (Shem Phillipps, S J Macdonald – Schwerkraft Verlag) Chancen auf eine Nominierung haben, ohne es gespielt zu haben, kann ich es leider nicht einordnen. Gleiches gilt für Res Arcana (Tom Lehmann – Sand Castle Games), welches einige auf dem Zettel haben.

Spiel des Jahres

Beim Spiel des Jahres sehe ich auch mehr als drei potenzielle Kandidaten, der Sieger steht für mich hingegen bereits fest. Ich könnte mir eine Nominierung für Draftosaurus (Antoine Bauza, Corentin Lebrat, Ludovic Maublanc, Théo Rivière – Board Game Box) vorstellen, da dieses Spiel die Spielmechanik des Draftings sehr zugänglich macht. Die Spieler nehmen einige Dinos in die Hand, wählen einen davon aus und reichen die anderen an den Sitznachbarn weiter. Im eigenen Freizeitpark gibt es dann wenige Platzierungsregeln, bei Spielende werden die platzierten Dinos gewertet. Das funktioniert richtig gut und macht einfach Spaß. Es ist ein gewisser Glücksfaktor enthalten, den ich für die kurze Spieldauer absolut in Ordnung finde. Die bunten Holzdinos liegen gut in der Hand und vervollständigen den Gesamteindruck.

An dieser Stelle möchte ich erneut Trails of Tucana (Kristian A. Ostby, Eilif Svensson – Pegasus Spiele) als zweite prognostizierte Nominierung nennen, auch wenn es erst seit kurzer Zeit erhältlich ist. Im Gegenzug ist es auch während der Kontaktsperre gut per Videokonferenz spielbar. Ich gebe allerdings zu, dass ich noch nicht ganz sicher bin, ob der positive Eindruck, der sich nun nach einigen gespielten Partien noch immer anhält, auch in einem halben Jahr noch besteht. Zudem wäre es neben Der Kartograph, bei dem ich zumindest auf eine Normierung wetten würde, ein weiteres Flip’n’Write-Spiel in diesem Jahr. Es ist aber nicht nur zugänglicher, sondern durch den Wettkampf um gewisse Verbindungen auch interaktiver.

Gewinnen sollte meiner Meinung nach Die Crew (Thomas Singh – Kosmos), das kooperative Stichspiel mit Suchtfaktor. Wer das Grundprinzip der Stichspiele verstanden hat, findet sich sofort zurecht. Auch Spieler ohne Vorkenntnisse können gut mitgezogen werden und lernen schnell was z.B. Trumph bedeutet und mit welchen Tricks bestimmte Stiche gewonnen werden können. Ich habe allerdings keiner Gruppe zugeschaut, die nie zuvor ein Stichspiel gespielt hat, daher kann ich nur schwer einschätzen, wie zugänglich Die Crew dann ist. Da ich mir ziemlich sicher bin, dass Die Crew auf jeden Fall ausgezeichnet wird, wär es zu schade, wenn es mit Der Kartograph in der gleichen Kategorie landen würde, da dann nicht beide spielen gewinnen könnten ;-) Denn auf diese beiden lege ich mich als Sieger zum Spiel und Kennerspiel des Jahres fest.

Das familiengerechte My City (Reiner Knizia – Kosmos) könnte nominiert werden, da es eben den Legacy-Mechanismus für Familien zugänglich macht. Auch wenn ich durchaus Spaß an der Kampagne hatte, fand ich das Spiel und auch die Legacy-Elemente jetzt jedoch nicht so besonders. Ich bin aber auch nicht die Zielgruppe für diesen Preis. Auch Buntes Burano (Wei-Min Ling – Board Game Circus), bei dem die Spieler ihre bunte Häuserzeile am Wasser gestalten, hat für mich Potenzial zum Spiel des Jahres nominiert zu werden. Durch fertig gestellte Häuser mit drei Etagen werden Anwohner und Touristen angelockt, die dafür bei Spielende bestimmte Wertungen für den Spieler auslösen. Es kann sich allerdings zu dritt ein wenig „aufhängen“, da es im Gegensatz zum Spiel zu zweit, keinen Mechanismus gibt, der für eine Rotation der zur Verfügung stehenden Karten sorgt. Auch Kitchen Rush (Vangelis Bagiartakis, Dávid Turczi – Pegasus Spiele) hat in meinen Spielgruppen durchaus Spaß gemacht, Pegasus Spiele hat tolle redaktionelle Arbeit in die Überarbeitung einfließen lassen. Dennoch fehlt mir das gewisse Extra zum Spiel des Jahres. Das hatte Magic Maze damals, da die Spieler nicht reden durften. Kitchen Rush ist einfach nur hektisch, was ich durchaus reizvoll empfinde, auf Dauer jedoch auch recht anstrengend. Pictures (Christian Stöhr, Daniela Stöhr – PD Verlag) befindet sich leider erst seit der Kontaktsperre in meinen Besitz, ich konnte es also noch nicht spielen, sehe aber durchaus Spiel des Jahres-Potenzial, nachdem was andere Spieler so berichten.

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