Carpe Diem

Carpe Diem Cover

Cover / Foto: Brettspielpoesie

Nach den vielen kleinen Karten- und Würfelspiel-Adaptionen großer Spiele, der beiden Neuauflagen zum 10-jährigen Jubiläum von Notre Dame und Im Jahr des Drachen sowie dem Legacy-Abenteuer  The Rise of Queensdale von Inka und Markus Brand in ganz neuem Schachtelformat, geht es nun endlich bei den bekannten „big box series“ von alea weiter. Der Autor Stefan Feld ist dabei kein Unbekannter, er hat bereits einige Spiele zu dieser Serie beigetragen, deren letzter Titel vor drei Jahren erschien: Broom Service von Alexander Pfister und Andreas Pelikan wurde damals sogar zum Kennerspiel des Jahres ernannt. Also ein neues alea-Spiel, ein neuer Titel von Stefan Feld, das hat sofort unser Interesse erweckt.

Spielmaterial:

Das Spielmaterial passt gut in die alea-Reihe: Die Spielertableaus mit ihren Rahmenteilen, genau wie die vielen enthaltenen Plättchen sind dünn, aber nicht zu dünn, daneben ist einiges Holzmaterial enthalten, um die verschiedenen Ressourcen und die Spieler darzustellen. Ein großer, faltbarer Spielplan ist ebenso enthalten wie verschiedene Siegpunkt- und Wertungskarten.

Carpe Diem Ressourcen

Ressourcen / Foto: Brettspielpoesie

Die Anleitung ist gut geschrieben, Randnotizen erleichtern den schnellen Wiedereinstieg. Die Farbgebung beim Spielmaterial ist jedoch in einigen Punkten ungeschickt gelöst, zum einen sind die Rückseiten der Plättchen in hell- und dunkelgrün schwer zu unterscheiden, zum anderen ähneln sich die Gebäude in gelb und braun.  Die Brote sehen nicht wirklich aus wie Brote, wie erinnern eher an Holzscheiben. Außerdem spiegelt das gesamte Material, sodass je nach Lichtquelle einige Verrenkungen notwendig sind, um alle Spielertableaus einzusehen und den Überblick zu behalten. Wie es passieren konnte, dass die Schachtelrückseite das Bild vom Prototypen-Material zeigt, kann ich mir auch nicht erklären.

Spielmechanismus:

Die Spieler nutzen den Tag, wie der Spieltitel verspricht, um ihr persönliches Viertel in vier Wochen mit sieben Tagen nach bestimmten Vorgaben auszubauen. Die dafür zu nutzenden Plättchen liegen auf dem Spielplan, immer vier zusammen als Block. Von jedem dieser Blöcke gibt es je einen Weg zu zwei angrenzenden Blöcken, die Spielfigur muss bewegt werden. Von dem neuen Ort wird ein Plättchen gewählt und direkt auf dem eigenen Spielplan passend verbaut. Wurde eine Landschaft oder eine Gebäude abgeschlossen, gibt es eine Belohnung. Entweder bekommt man entsprechende Ressourcen für eine Landschaft oder die Bonusaktion des Gebäudes. Beim Händler können die Ressourcen in Münzen verwandelt werden, die für die Wertungen als Joker gelten. Beim Bäcker wird Brot gebacken. Der Handwerker ermöglicht den Zugriff auf die ausliegenden Bauplättchen und der Verwalter bringt den Spieler auf der Banderolenleiste vor. Diese Gebäude sind alle genau zwei Plättchen groß, es gibt auch kleinere Gebäude mit nur einem Plättchen. Dazu gehören die Backstube, die ein Brot produziert und der Markt, auf dem man ohne Abgabe eine Münze erhält. Und den Brunnen, bei dem eine von zwei Brunnenkarten ausgewählt wird, welche die Endwertung beeinflusst. Als letzte Plättchenart gibt es Villen mit Schornsteinen, die ebenfalls erst bei Spielende gewertet werden.

Auf der Banderolenleiste kommt man auch für das Überbauen von Feldern voran, die mit den Banderolen-Plättchen belegt sind. In der Reihenfolge dieser Leiste werden am Rundenende die Wertungen ausgewählt, indem die Spieler eine ihrer Scheiben zwischen zwei Wertungskarten platzieren. Die meisten dieser Karten geben Siegpunkte anhand bestimmter Landschaften/Gebäude oder für die Abgabe vorgegebener Ressourcen, manche bringen aber auch Geld, Brot und/oder Schritte auf der Banderolenleiste ein. Kann eine Wertungsbedingung nicht erfüllt werden, kostet dies vier Siegpunkte. Außer man kann drei Brote abgeben, denn dafür darf man eine Wertung ausführen, als hätte man die Anforderung erreicht. Es werden für jeden Spieler immer zwei Wertungen ausgelöst, die Reihenfolge bestimmt der Spieler selbst. So kann vielleicht bei einer Wertung eine Münze erhalten werden, die dann wiederum hilft eine Ressourcenanforderung zu erfüllen. Jede dieser Wertungskombinationen kann nur ein einziges Mal pro Partie genutzt werden, daher kann es sich lohnen bei der Wahl den Vortritt zu haben. Oder von vorneherein einen Plan B zu haben, denn der Verlust von Siegpunkten wiegt schwer.

Carpe Diem Spielsituation

Spielsituation / Foto: Brettspielpoesie

Der Startspieler wechselt und der Spielplan wird neu bestückt. In der vierten Runde kommen nur noch die Spezialplättchen mit der dunkelgrünen Rückseite ins Spiel, sie helfen dabei die Landschaften und Gebäude zu vollenden, da sie nur jeweils ein Endstück zeigen. Mit Hinblick auf die Wertung bei Spielende sollte bereits beim Platzieren der Plättchenarten auf die Anforderungen auf dem Rand des Spielertableaus geachtet werden. Denn dort werden zusätzliche Punkte vergeben, wenn die geforderten Landschaften wie gewünscht platziert wurden.

Carpe Diem Spielertableaus

Spielertableaus / Foto: Brettspielpoesie

Spielende:

Das Spiel endet nach der vierten Woche, wenn also keine Plättchen mehr bei den Aktionsfeldern liegen und nur noch ein Platz zwischen den Wertungskarten frei ist. Zu den im Spielverlauf gesammelten Punkten kommen nun noch die Punkte der Schlusswertung. Dabei werden die Brunnenkarten ausgewertet, es gibt Punkte für die Schornsteine der Villen und für die Randbedingungen der Spielertableaus. Die Schritte auf der Banderolenleiste verwandeln sich in Siegpunkte und übriges Material kann eingetauscht werden. Wer dann die meisten Punkte hat, gewinnt die Partie.

Spieleranzahl:

Egal in welcher Spieleranzahl, das Spiel funktioniert einfach gut. Es liegt zu Beginn einer Runde immer die gleiche Anzahl an Plättchen aus, bei zwei oder drei Spielern werden übrige Plättchen eines Ortes allerdings abgeräumt, sobald Plättchen in Höhe der Spielerzahl genommen wurden. Das bringt eine weitere taktische Ebene hinein, denn so müssen bestimmte Plättchen, die einem selbst nur bedingt weiterhelfen, nicht zwangsweise genommen werden, um sie einem Mitspieler vorzuenthalten. Man kann auch ein besser geeignetes Plättchen wählen, wenn die anderen eh abgeräumt werden. Zudem kommen bei weniger Spielern weniger Wertungskarten ins Spiel, sodass insgesamt immer nur eine Wertung mehr möglich ist, als Spieler teilnehmen. Für das Spiel zu zweit bedeutet dies, dass zwei Wertungskarten nur einfach angewendet werden können, weil sie nur einen Berührungspunkt zu einer anderen Karte haben.

Glücksfaktor?

Es gibt in diesem Spiel bei den Brunnen-Karten eine Glückskomponente, die mir nicht ganz zu sagt und auch schon in einigen Runden etwas bemängelt wurde. Beim Bau eines Brunnens darf der Spieler eine aus zwei Karten wählen, die ihm Bonus-Punkte bei Spielende für jedes Gebäude bzw. jede Landschaft einer bestimmten Art einbringt. Diese Karten existieren mehrfach, sodass es einem Spieler gelingen kann, mehrere einer Sorte zu bekommen und dadurch einen Punktemultiplikator zu erlangen, während andere Spieler unterschiedliche Landschaften errichten müssen, um an dieselbe Punktzahl zu gelangen. Diese Karten können ebenfalls mehr oder weniger gut zu den Rahmenaufgaben passen. Davon abgesehen ist es aber ein schönes Strategie-Spiel mit taktischen Elementen.

Fazit:

Bei allen Carpe Diem Partien hatten wir sehr viel Spaß, nach jeder Partie freute man sich bereits auf die nächste und die dann geforderten Wertungsbedingungen. Gerne hätte ich diesem Spiel daher die Höchstpunktzahl gegeben. Doch leider kann ich das bei den Design-Mängeln nicht tun. Dabei stört mich weniger, dass es etwas altbacken aussieht, es passt in meinen Augen einfach in die alea-Reihe, völlig wertfrei gemeint. Es hebt sich optisch zumindest von anderen Spielen ab, ob positiv oder negativ muss jeder für sich entscheiden. Aber die beiden Grüntöne der Plättchen-Rückseiten hätte man wahrlich besser unterscheiden müssen oder auch völlig andere Farben wählen können, denn diese Farben sind keineswegs spielrelevant. Mann muss sie nur unterscheiden können. Bei den Vorderseiten hätte man die Gebäudefarben anders wählen können, denn manche sind auf den Plättchen und vor allem den Rahmenteilen nur schwer zu unterscheiden. Die sternenförmige Anordnung der Plättchenablagen ist laut einer Erklärung des Autors persönlich eine Überbleibsel aus der Prototypenphase. In der jetzigen Version könnten sich die Spieler genauso gut nach rechts oder links bewegen, es würde keinen Unterschied machen. In unseren Partien wurde aber genau diese Anordnung gelobt, eben weil sie etwas undurchsichtiger ist und man noch eine Ebene mehr beachten muss. Das Thema ist so eine Sache für sich, ich fühlte mich in keiner Partie als Erbauer des alten Roms, aber es ist mir keineswegs negativ aufgefallen. Der Spielmechanismus ist für sich einfach gut genug und auch ohne thematische Einbindung intuitiv, sodass ich zumindest leicht darüber hinwegsehen kann.

Diese Mängel außer acht gelassen, haben wir ein tolles Kennerspiel vor uns, mit einem sehr hohen Wiederspielreiz. Dieser entsteht vor allem durch die vielen Wertungskarten, von denen pro Partie nur ein Bruchteil verwendet wird. Durch die zusätzliche Kombination zweier Wertungskarten wird keine Partie wie eine vorherige verlaufen. Auch die variablen Rahmenteile verhindern eine immer gleichbleibende Gewinnstrategie. Für ein Feld-Spiel ist es erfrischend zugänglich, den meisten Spielern ist direkt klar, was zu tun ist: Das eigene Tableau mit Plättchen zu befüllen. Die ausliegenden Wertungskarten und die eigenen Randbedingungen geben den Spielern dabei eine Richtung vor, wie sie ihr Stück Land entwickeln sollten, um möglichst viele Punkte damit zu generieren. Während das puzzeln eher solitär verläuft, wird es durch die gemeinsame Plättchenauslage und vor allem durch die Wertungskarten interaktiv. Hat man es auf eine bestimmte Wertungskombination abgesehen, sollte man vor allem auf die Banderolenleiste gehen, muss aber dennoch mit den Plättchen auch die Wertung erfüllen. So entsteht dieser gewisser Mangel, wie man ihn aus Feld-Spielen kennt: Es gibt viele interessante Optionen, doch muss man sich auf einige wenige beschränken. Dabei immer auch ein wenig auf die Mitspieler achten, um nicht immer das Nachsehen zu haben. Es spielt es sich unheimlich flott, bei der Plättchenauswahl gibt es nur begrenzt Möglichkeiten, die man gut voraus planen kann und auch sollte. Besonders wenn es ähnliche Plättchen an verschiedenen Orten gibt, lohnt es sich vorausschauend zu planen, was danach kommen soll und sich entsprechend zu positionieren. Die längsten Wartezeiten entstehen in den Wertungsphasen, denn häufig müssen verschiedene Optionen gegeneinander abgewägt werden, besonders wenn die favorisierte Wertung nicht mehr verfügbar ist.

Auch wenn es sich bei der Anordnung der Plättchen auf dem eigenen Spielertableau um einen recht einfachen Legemechanismus handelt, machen die Rahmenanforderungen es durchaus kniffelig alles bestmöglich zu erfüllen und es ist kein ein leichtes Unterfangen alles zu beachten. Denn auch das Überbauen der Banderolenplättchen sollte zum richtigen Zeitpunkt erfolgen, für den frühen Zugriff auf die Wertungskarten. Nicht selten ging es in unseren Partien bei einigen doch nicht ganz auf, weil man einfach zu viel machen wollte.

In den letzten Runden können einem Spieler durch die begrenzte Plättchenauswahl ein wenig die guten Optionen ausgehen, aber auch das kann eingeplant werden. Ich finde es wirklich schade, dass hier das Potential des Spiels durch die Umsetzung etwas verschenkt wurde, denn ich fürchte, dass so mancher Spieler sich davon abhalten lässt, dieses Spiel auszuprobieren. In meinen Augen verpasst man dann ein tolles Kennerspiel, dass sich schnell spielen lässt. Für uns hat sich Carpe Diem noch lange nicht ausgespielt, es gibt noch so viele Wertungskombinationen zu entdecken, da bin ich sicher wir werden noch lange Spaß damit haben.

Wertungsnote 5/6

[UPDATE 14.11.2018 Hier wurde bei Veröffentlichung fälschlicherweise die Note 4 eingeblendet UPDATE ENDE]

Verlag: alea / Ravensburger
Autor(en): Stefan Feld
Erscheinungsjahr: 2018
Spieleranzahl: 2 – 4 Spieler
Dauer: 60 Minuten

Vielen Dank an Ravensburger für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplares!

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