Unter Schafen 06/22

Die erste Hälfte des Jahres liegt nun hinter uns. Da ist es an der Zeit, ein wenig zu rekapitulieren. Die Corona-Pandemie führte nicht mehr zu so harten Einschränkungen, wie in den beiden Jahren zuvor. Dennoch ist sie immer mal wieder Schuld daran, dass unsere Mitspieler ausfallen. An uns scheint dieser Kelch bislang vorüber gegangen zu sein. Die Lockerungen führten immerhin dazu, dass eine erste spannende Veranstaltung wieder statt finden konnte: Der Tag der Brettspielkritik. An diesem Wochenende läuft die relativ junge Messe Spiel doch!. Erstmalig in Dortmund, anstelle von Duisburg und leider ohne uns. Wir reisen dafür in 2 Wochen in die Hauptstadt zur BerlinCon und der Spiel des Jahres-Verleihung. Im Anschluss daran haben wir einige Tage Urlaub und finden hoffentlich viel Zeit zu Spielen. Jetzt soll es aber darum gehen, was in den letzten 30 Tagen so los war.

Mäh! - News und Aktuelles

Der Preis ist heiß

Auf die Bekanntgabe der Sieger zum Spiel und Kennerspiel des Jahres müssen wir noch zwei Wochen warten, das Kinderspiel des Jahres steht bereits fest: Es heißt Zauberberg und ist bei Amigo Spiele erschienen. Das Spiel der Autoren Jens-Peter Schliemann und Bernhard Weber wurde direkt im Anschluss an den Tag der Brettspielkritik in Hamburg verliehen. Es setzte sich durch gegen Mit Quacks & Co nach Quedlinburg und Auch schon clever. Diese beiden Kinderspielvarianten entstanden, als bei Wolfgang Warsch zu Hause Homeschooling angesagt war und er es seinen Kindern ermöglichen wollte, seine Spiele zu spielen.

Doch muss sich Wolfgang Warsch gar nicht grämen. Seine Kinderspielversion der Quacksalber von Quedlinburg ist der Spielehit für Kinder 2022. Dieser Preis wird jährlich zusammen mit dem Spiel der Spiele und weiteren Unterkategorien von der Wiener Spiele Akademie vergeben. Den Hauptpreis, Spiel der Spiele 2022, sicherte sich Wonder Book von Abacusspiele. Ein Spiel, bei dem ich mir nicht sicher bin, ob es mich in reinen Erwachsenenrunden wirklich so sehr begeistern kann, dass es sich lohnt die hohen Anschaffungskosten in Kauf zu nehmen.

Daneben gibt es noch weitere Unterkategorien, wie den Spielehit für Experten. Dieser geht in 2022 an Gutenberg von Granna. Diese Entscheidung finde ich spannend. Die deutsche Version gibt es von Huch! und dort hat man sich entschieden das “Expert” von der Schachtel wegzunehmen, da man es “nur” als Kennerspiel einordnet. In der Begründung der Jury heißt es jedoch “Tüftelpotential für Experten und ambitionierte Vielspieler”. Es freut mich jedenfalls, wenn dieses Spiel dadurch mehr Beachtung erhält. Es war immerhin einer meiner ersten beiden Ersteindrücke im Rahmen dieser neuen Kategorie auf meinem Blog und mir gefällt es :D

Weitere Auszeichnungen erhielten Kipp mir Saures (Spielehit für Familie), Dreadful Circus (Spiele-Hit mit Freunden), Raise (Spiele-Hit für Karten) und Gravitrax: The Game – Impact (Spiele-Hit für Trendspiele). Von dieser Auswahl habe ich noch nichts gespielt, vielleicht sollte ich das mal ändern.

Alles auf eine Karte

In letzter Zeit vermehren sich in meiner Wahrnehmung die Ankündigungen von Kartenspiel-Versionen bekannter Spiele. Der Verlag dlp Games bringt im Herbst eine Draw and Write-Version des ehemals zum Kennerspiel des Jahres nominierten Bag Building-Spiels Orléans. Da bin ich doch direkt begeistert, um dieses tolle Spiel wieder in den Fokus zu setzen. Ich mag es so sehr und spiele es doch viel zu selten. Bei Skellig Games ist gerade Die Insel der Katzen – Explore & Draw erschienen. Klingt irgendwie interessant, sieht auf den Bildern aber auch sehr unübersichtlich aus. Gerne würde ich dieses zumindest mal ausprobieren.

HeidelBÄR Games hat für den Herbst Cóatl – Das Kartenspiel angekündigt, doch leider habe ich noch nicht einmal Spielerfahrung mit Cóatl selbst. Im Universum von Die Tiere im Ahonrtal soll dieses Jahr zumindest noch eine Kickstarter-Kampagne zur Finanzierung von Maple Valley folgen. Dabei handelt es sich nicht um eine Kartenspielvariante des Worker Placement-Spiels, aber immerhin um ein Kartenspiel im gleichen Universum.

Diese vier Spiele sind mir aus der letzten Zeit besonders im Gedächtnis geblieben, sicherlich gibt es noch weitere Beispiele dafür. Wie steht ihr dazu? Wollt ihr euch bekannte Welten auf diese Weise neu entdecken oder sollen die Verlage eurer Meinung nach lieber neuartige Ideen verwirklichen?

Herde - Neuzugänge

Cheese Thief

(Dongxu Li, Jolly Thinkers)

2020 war kein gutes Jahr, um Spiele herauszubringen. Vor allem nicht für kleinere Verlage, welche ihre Spiele sonst vor allem auf der SPIEL in Essen der breiten Öffentlichkeit präsentieren und deren Spiele sonst eher schwer in Deutschland erhältlich sind. Das ist vermutlich einer der Gründe, warum Cheese Thief erst jetzt auf meinem Radar auftauchte, auch wenn die 3-sprachige Version auf Chinesisch, Englisch und Deutsch bereits fast zwei Jahre auf dem Buckel hat.

Ein anderer Grund dafür könnte sein, dass es Social Deduction Spiele eher schwer bei mir haben und ich um sämtliche Werwolf-Spiele mittlerweile einen großen Bogen mache. Das liegt vor allem daran, dass wir auf einer Feier in größerer Runde einst einen Mitspieler verloren haben, als alle die Augen geschlossen hatten und er die Gunst der Stunde nutzte sich abzusetzen :D Auch bei Cheese Thief werden die Augen geschlossen. Würfel geben vor, wer sie in welcher Phase öffnen darf und wie man sich anhand seiner zugeteilten Rolle verhalten soll.

Eine App mit Sprachausgabe koordiniert diese Phasen. Wie der Titel schon verrät stiehlt der Käsedieb den Käse(schwamm), versteckt diesen und die anderen versuchen den Täter gemeinsam zu identifizieren und anzuklagen. Das klingt ganz witzig, man braucht allerdings mindestens vier Spieler dafür, daher kann ich noch keinen Ersteindruck von mir geben.

Auf der SPIEL muss ich dieses Jahr unbedingt zum Stand von Jolly Thinkers, denn wie ich gerade feststellte, gibt es seit diesem Jahr eine Promo-Karte für das Spiel Bye-Bye Black Sheep, die den Cheese Thief zeigt. Dieser Käsedieb ist, genau wie die anderen Mäuse im Spiel Cheese Thief, wahnsinnig niedlich illustriert.

Captains’ War

(Alexandre Aguilar, Bregalonne Games)

Bereits auf der letzten SPIEL kennen gelernt haben wir Captains’ War am Stand von Bregalonne Games. Dieses Roll and Write-Spiel hat uns gut gefallen, auch wenn der Eindruck blieb, dass es in größerer Runde interessanter sein könnte. Bis zu sechs Spieler können sich daran beteiligen, mit ihrer Piratencrew die meisten Schätze einzusammeln und die anderen Crews im Gefecht zu besiegen. Dadurch ist Captain’s War für ein Spiel seines Genres erstaunlich interaktiv.

Es sind gleich zwei Blöcke mit jeweils 50 Blättern dabei, leider nicht beidseitig bedruckt. Sie unterscheiden sich auch nicht voneinander. Dennoch erwarte ich spannende Überraschungen. Die Schachtel enthält einen ganzen Kartenstapel, der erst zu öffnen ist nachdem ein paar Partien gespielt wurden. Zusätzlich gibt es zwei Umschläge mit “rätselhaftem Inhalt, die nur geöffnet werden, wenn Karten im Stapel dies erfordern”. So lautet es zumindest in der Anleitung, die mir auf deutsch vorliegt. Ich habe vom Verlag auf Grundlage der französischen Ausgabe einen Prototypen mit deutscher Spielregel erhalten.

Captains' War deutscher Prototyp
Captains’ War – deutschsprachiger Prototyp / Foto: Brettspielpoesie

Laut Verlag laufen derzeit Gespräche mit internationalen Partnern, um weitere Sprachversionen veröffentlichen zu können.

Grasen - Frische Spieleindrücke

Cryptid

(Hal Duncan, Skellig Games – Osprey Games)

Das (Kenner-)Spiel des Jahres-“Lotto” ist jedes Jahr aufs Neue eine spannende Angelegenheit. Als Brettspielsammler habe ich Spiele gerne ohne bunten Pöppel im Regal. Daher ist die Hoffnung jedes Jahr groß, möglichst viele der nominierten Titel in der Kategorie Spiel und Kennerspiel des Jahres bereits zu besitzen. Doch klappt dieses hehre Ziel nicht immer. Cryptid hat es erst durch die Nominierung in unseren Besitz geschafft. Obwohl ich reine Deduktionsspiele grundsätzlich mag.

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Doch als es vor einigen Jahren bei Osprey herauskam, gab es noch keine deutsche Version und war daher schnell runter vom persönlichen Radar. Auch die deutsche Veröffentlichung bei Skellig Games ist zunächst an mir vorüber gegangen. Doch bin ich nun froh, dank der Jury doch noch in den Genuss dieses Spiels zu kommen. Gerade für uns, als Informatiker, ist es immer wieder eine spannende Angelegenheit. (Und zugleich faszinierend, wie der Algorithmus aussehen muss, der so viele Spielkonstellationen ermöglicht in denen 3-5 Hinweise auf genau ein Feld hinweisen). In jeder Runde waren unsere Mitspieler bislang begeistert von dem Spiel. Zum Glück war noch keine Partie vergebens, da sich noch keine falschen Hinweise einschlichen. Die Gefahr spielt aber immer mit und man prüft seine eigenen Hinweise gerne doppelt und dreifach, um nicht der eine Spieler zu sein, der Schuld am Auftreten dieses Umstands wäre.

Brazil Imperial

(Zé Mendes, Giant Roc – MeepleBR)

Trotz des durchaus kontroversen Themas gefällt mir das 4X-Spiel Brazil Imperial mit jeder Partie besser. 4X steht für die vier Begriffe Explore, Expand, Exploit und Exterminate. Oder in deutscher Sprache für das  Auskundschaften, Ausbreiten, Ausbeuten und Auslöschen. Jeder Spieler führt ein Volk an, welches sich nach auf dem Spielplan ausbreitet. Städte und Produktionsstätten werden errichtet, um an notwendige Waren zu gelangen. Nur mit diesen lassen sich die eigenen Vorhaben auch finanzieren. Es braucht Einheiten auf dem Spielplan, um zu erkunden, Städte zu errichten oder auch gegnerische Gelände zu erobern. Man zerstört allerdings nichts, vertreibt nur gegnerische Einheiten und kann auf bereits produzierte Waren zugreifen, solange man einen Ort besetzt hält.

Ein Aktionsmarker legt fest, welche der sieben Aktionen man nutzen möchte und verhindert, ein und dieselbe Aktion mehrfach direkt hintereinander ausführen zu können. Drei Karten mit persönlichen Zielen bringen Punkte und Fortschritt, den auf dem Spielplan zu platzierende Paläste repräsentieren. Verschiedene Möglichkeiten, den modularen Spielplan zusammen zu setzen, sorgen für Varianz. Für jede mögliche Spielerzahl gibt es unterschiedliche Zusammenstellungen, die mal mehr und mal weniger konfrontativ ausgerichtet sind. Nicht immer sind die Partien geprägt von vielen Konflikten.

Ich freue mich darauf, dieses Spiel noch weiter zu erkunden. Vor allem fordert es auf, verschiedene Spielerfarben auszuprobieren. Die Völker unterscheiden sich in den Fähigkeiten ihrer Anführer, in den Einheiten und den Kosten dafür. Die Einheiten und Paläste unterscheiden sich nicht nur farblich, sondern sind auch noch verschieden geformt. Das wirkt zwar aufwändig produziert, macht es auf dem Spielplan hin und wieder jedoch auch etwas unübersichtlich.

Für dieses Jahr wurde auf Instagram vom brasilianischen Originalverlag ein Automa angekündigt, der nicht nur das Solo-Spiel, sondern auch Mehrspieler-Partien, verändern soll. Auch eine größere Box ist darin bereits angeteasert, möglicherweise eine Erweiterung? Hoffentlich wissen wir bald mehr.

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