Spiel des Jahres 2021- Prognose

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Wir haben Mitte Mai und wieder steht die große Frage im Raum: Wie werden die Nominierungen zum Kinderspiel, Kennerspiel und Spiel des Jahres dieses Jahr aussehen? Die Endphase vor den Nominierungen war 2020 stark geprägt von den ersten Kontaktbeschränkungen durch die Corona-Pandemie, doch das darauf folgende Jahr sollte sich in dieser Hinsicht keineswegs entspannen. Sicherlich kein einfacher Job für die Jury, die eigentlich den Anspruch hat, vielseitige Eindrücke zu sammeln und in ihre Entscheidungen einzubeziehen.

Ich habe mich zwar bereits bei den Bretterwissern zu meinen Tipps geäußert, dennoch schreibe ich heute auch hier meine Gedanken auf, da sicherlich nicht alle Leser auch Podcasts hören. Außerdem ist uns in der Folge die Zeit ausgegangen, sodass ich beim Kennerspiel gar nicht alle Ideen äußern konnte, die so in meinem Kopf herum geistern.

Aber blicken wir doch erst einmal zurück. Letztes Jahr hatte ich an dieser Stelle The King’s Dilemma, Nova Luna und und Der Kartograph für das Kennerspiel des Jahres auf dem Zettel. Alle drei waren auch nominiert, wobei Nova Luna beim Spiel des Jahres landete. Stattdessen war Die Crew zum Kennerspiel nominiert, ein Titel, welchen ich beim Spiel des Jahres genannt hatte. Zusammen mit Draftosaurus und Trails of Tucana, von denen ersteres immerhin auf der Empfehlungsliste landete. Das familiengerechte Legacy-Spiel My City befand sich nicht in meinen Top 3, wurde aber zumindest von mir genannt, genau wie auch den Sieger in dieser Kategorie, Pictures, welches ich bis dato allerdings noch nicht gespielt hatte. Da lag ich mit meiner Prognose als gar nicht so sehr daneben.

Auch dieses Jahr sind wieder Titel dabei, bei denen sicherlich darüber gestritten werden kann, ob sie beim Spiel oder beim Kennerspiel besser aufgehoben sind. Die Abgrenzungen sind nicht eindeutig, von daher kommt es letztlich auf die situative Einschätzung der Jury an.

Kinderspiel des Jahres

Beim Kinderspiel des Jahres muss ich mich dieses Jahr komplett enthalten, da reicht es nun Corona-bedingt nicht einmal mehr für eine einzige halbwegs fundierte Empfehlung.

Kennerspiel des Jahres

Die Prognose für die Nominierungen zum Kennerspiel des Jahres fällt mir dieses Jahr gar nicht so leicht. Viele gute Spiele könnten da in Frage kommen, bei einem Titel bin ich mir jedoch ziemlich sicher. Paleo (Peter Rustemeyer – Hans im Glück Verlag), das erste kooperative Spiel bei Hans im Glück wurde gerade erst mit dem Beeple Award ausgezeichnet. Das Durchspielen der Decks fühlt sich wirklich nach Entdecken an, die Rückseiten der Karten lassen die Spieler erahnen was sie erwartet, jedoch verbirgt sich dahinter so manche Überraschung – positiver wie negativer Art. Es fühlt sich thematisch passend an, dass ein Stamm in der Steinzeit die sichere Höhle zum Jagen verlies ohne zu wissen, was in der Natur so lauert. Die unterschiedlichen Kapitel lassen den Schwierigkeitsgrad langsam ansteigen und nehmen die Spieler behutsam mit auf eine spannende Reise. Lediglich die in der ersten Auflage nicht gelungene Anleitung könnte einer Nominierung im Wege stehen. Zwar wurde diese bereits überarbeitet, aber vor einigen Jahren hieß es ganz klar, dass die Jury bei den Anleitungen nicht als Beta-Tester agieren möchte. Ob die aktuellen Mitglieder dies ebenfalls als Hinderungsgrund sehen, bleibt abzuwarten.

Ein weiteres Highlight auf unserem Spieletisch in der letzten Zeit war Aeon’s End (Kevin Riley – Frosted Games). Dieser kooperative Deckbuilder hat manch spezielle Eigenschaft. Die Spieler mischen ihre Decks nicht, sondern drehen den Ablagestapel als neuen Nachziehstapel. Mit ihrem Kartendeck versuchen die Spieler als Magier mit besonderen einzigartigen Fähigkeiten einen Erzfeind zu besiegen. Von diesen sind mehrere enthalten, die sich wirklich alle ganz unterschiedlich spielen, da sie auf spezielle Art und Weise angreifen und sich auf andere Wegen besiegen lassen. Einzig das Thema könnte einer Nominierung im Wege stehen. Immerhin werden hier Erzfeinde wie die „Hassgeburt“ bezwungen, da könnte schon alleine das Cover abschrecken, welches selbigen zeigt.

Das waren nun zwei Titel mit Karten als Hauptmechanismus, daher halte ich einen dritten Titel mit eben diesem Grundmechanismus für unpassend. Auch denke ich, dass sich kein weiterer kooperativer Titel dazu gesellen wird. Wir hatten in diesem Jahrgang ebenfalls viel Spaß mit Cubitos (John D. Clair – Pegasus Spiele), bei dem sich die Spieler einen Pool aus Würfeln aufbauen, um mit diesen Push-your-Luck-mäßig Geld für bessere Würfel und Schritte auf der Rennstrecke zu erwürfeln. Es erinnert mich dabei vieles an Die Quacksalber von Quedlinburg, Cubitos empfinde ich persönlich jedoch als das bessere Spiel. Statt Zutaten zu kaufen, die möglicherweise nie wieder gezogen werden, kommen hier alle Würfel irgendwann zum Einsatz, lediglich die Würfelergebnisse bleiben zufällig. Anstelle einer abstrakten Punktesammelei, lässt sich hier der Fortschritt ganz einfach auf der Rennstrecke ablesen. Doch kann auch ein abgeschlagener Spieler mit etwas Glück noch weite Strecken in kurzer Zeit aufholen. Der Spielablauf ist eigentlich recht einfach, doch die vielen unterschiedlichen Karten, die den Würfeln Fähigkeiten verleihen, machen Cubitos, wie auch vom Verlag angegeben, zu einem Kennerspiel.

Mir würden noch weitere mögliche Titel einfallen, die allesamt Karten als Hauptmechanismus verwenden. So zum Beispiel Die Insel der Katzen (Frank West – Skellig Games). Das Bepuzzeln der Schiffe steht bei diesem Polyomino-Spiel nicht unbedingt im Vordergrund, den Reiz machen die vielen Karten aus, die zu unterschiedlichen Zeitpunkten gespielt werden, um kurzfristige Vorteile oder Wertungen bei Spielende auszulösen. Zudem sind alle Karten, genau wie die Puzzleteile, mit Fischen zu Bezahlen, die meist nicht ausreichen, um alles Interessante mitzunehmen. Auch hier ist die Anleitung in meinen Augen kein Glanzstück, was einer Erwähnung der Jury im Wege stehen könnte.

Im Kennerbereich gibt es ein weiteres Spiel mit vielen Karten, welches mir richtig gut gefällt, dem ich aber aufgrund des Themas nur wenig Chancen einräume: Undaunted: Normandie (David Thompson, Trevor Benjamin – Giant Roc) vereint Deckbuilding mit einem Ausbreitungsmechanismus auf sehr elegante Weise und lässt die Spieler verschiedene Gefechte der 30. US-Infanteriedivision im Laufe des Sommers 1944 in der Normandie nacherleben. Dabei ist jedoch offen, ob die Deutschen oder die Amerikaner das Gefecht gewinnen, es ist eben keine historische Abhandlung, sondern nur die thematische Grundlage. Nur wer mit diesem Umstand leben kann, wird die spielerisch gelungene Umsetzung der Thematik genießen können. Die Gefechte mit zufälligen Würfelergebnissen auszutragen, fühlt sich einfach passend an. Durch Verluste wird auch das Deck dünner, was aber auch dazu führt, das bestimmte Truppen häufiger auftauchen und schneller agieren können. Alles passt gut zusammen, unsere Partien verliefen immer sehr knapp, nicht selten entscheidet im richtigen Moment Startspieler zu sein über Sieg oder Niederlage.

Auch Die verlorenen Ruinen von Arnak (Min und Elwen – Czech Games Edition, HeidelBÄR) haben einen zentralen Deckbuilding-Mechanismus, der mit Ressourcenmanagement, Worker Placement und dem Entdecken neuer Orte kombiniert wird. Es fühlt sich wie eine gelungene Komposition bereits bekannter Mechanismen an. Ich finde allerdings, dass es sehr viele Detailregeln mit sich bringt und daher weniger zugänglich ist, als andere in Frage kommende Titel. Auch wenn sich diese durch die thematische Einbettung gut erklären lassen, so bleibt es für mich doch ein eher abstraktes Ressourcenhandling.

Auch Faiyum (Friedemann Friese – 2F Spiele) bietet eine neue Art des Deckbuildings, bei dem nur die zuletzt gespielten Karten zurück auf die Hand kommen. Zusätzlich spielt sich vieles auf dem zentralen Spielbrett ab, auf dem gebaute Gebäude keinem Spieler zugeordnet werden, sondern alles für jeden errichtet wird. Jede Karte ist dabei einzigartig und kommt zu einem zufälligen Zeitpunkt ins Spiel, was jede Partie anders verlaufen lässt.

Bei so vielen guten Deckbuilding-Spielen ist es wirklich nicht einfach, einzelne zu prognostizieren, die ab morgen im Rampenlicht stehen werden. Wahrscheinlich werden noch Titel erwähnt, die ich nicht auf dem Schirm habe, um für mehr Diversität zu sorgen. Leider habe ich es bislang nicht gespielt, aber nachdem Die Architekten und Die Paladine des Westfrankenreichs in den vergangenen Jahren auf der Empfehlungsliste zum Kennerspiel auftauchten, würde es mich nicht wundern dort dieses Jahr auch den Nachfolger dieser Serie, Die Burggrafen des Westfrankenreichs, dort vorzufinden.

Spiel des Jahres

Für mich eines der innovativsten Spielerlebnisse in diesem Jahrgang war MicroMacro (Johannes Sich – Edition Spielweise). Das Wimmelbild will jeder sofort erkunden, durch verschiedene Zeitebenen auf ein und derselben Stadtkarte lassen sich die Kriminalfälle nachverfolgen. Dieses einfache, wie geniale Spielprinzip hat auch gerade den Beeple Award erhalten. Doch gibt es durchaus Kritikpunkte: Davon abgesehen, dass es (wie auch schon Exit, das Kennerspiel des Jahres von 2017) nur wenig Spiel im Sinne von einzelnen Spielzügen und Aktionen enthält, lässt es sich nur gut mit maximal drei Spielern erleben, sonst steht man sich zu sehr im Weg und nimmt sich gegenseitig die Sicht. Zudem sind die Fälle nicht gerade kindgerecht, oft können Kinder die Motive nur schwer nachvollziehen. Und das obwohl das Wimmelbild und auch das Spielprinzip Kinder sehr anspricht. Immerhin sind die Protagonisten eher comichaft gezeichnet, viele Personen erinnern auch eher an Tiere. Daher stellt dieser Aspekt für mich keinen Hindernis da, es nicht zum Spiel des Jahres zu ernennen.

Der zweite Elefant im Raum ist dieses Jahr sicherlich Die Abenteuer des Robin Hood (Michael Menzel – Kosmos). Die Handschrift des als Autor agierenden Illustrators zeigt sich vor allem beim aufwändig gestaltetem Spielplan, der das freie Erkunden mit Hilfe der Bewegungsfiguren ermöglicht. Anstelle von Karten stehen alle Texte in einem gebundenen Buch, sodass es an jedem Ort abhängig vom Kapitel Anderes zu Entdecken gibt. Das Einstiegskapitel nimmt die Spieler an die Hand und führt sie behutsam in das Spiel ein. Daher bietet es eigentlich alles, was ein gutes Spiel des Jahres braucht. Allerdings finde ich MicroMacro noch innovativer und sehe es daher weiter vorn.

Neben zwei kooperativen Spielen würde ich darauf tippen, dass noch ein kompetitives Spiel in die Auswahl gelangt. Raum für Spekulationen zur Einordnung lässt auch mein dritter Favorit: Fantastische Reiche (Bruce Glassco – Strohmann Games) begeistert mich persönlich sehr. Aus 53 einzigartigen Karten versuchen die Spieler dabei ihre Kartenhand zu optimieren, um die Punkte zu maximieren. Neben einem Basiswert bieten die meisten Karten einen Bonus und/oder eine Strafe, bezogen die Kartenhand bei Spielende. Im Zug wird einfach eine Karte gezogen und eine andere in die Auslage gelegt, mehr passiert nicht. Die Abhängigkeiten der Karten voneinander ist anfangs etwas schwierig zu erfassen, doch wird dies in meinen Augen durch die Gestaltung und farbige Kennzeichnung der unterschiedlichen Kartenarten gut unterstützt.

Ebenso könnte es aber auch Calico (Kevin Russ – Ravensburger) werden, bei dem jeder einen Quilt zusammen puzzelt, auf dem sich Katzen gerne hinkuscheln. Doch so niedlich es auch wirkt, so kniffelig ist das punktebringende Puzzeln, wenn alle Wertungen zum Einsatz kommen. Es gibt aber auch eine Einsteigervariante ohne die einzwängenden Restriktionen der Aufgabenplättchen. Die Variante funktioniert gut und macht auch schon Spaß, von daher gehört es für mich in die Spiel des Jahres-Kategorie. Die Anleitung ist zudem super geschrieben, sodass es auch für weniger erfahrene Spieler leicht zu Erlernen sein sollte.

Im Hinterkopf spukt noch immer Trails of Tucana (Kristian A. Ostby, Eilif Svensson – Pegasus Spiele) herum, bei dem ich mir nicht sicher bin ob es im vergangenen Jahr zu spät erschien oder nicht erwähnt wurde, weil es nicht gut genug erschien. Vielleicht finden wir es ja in diesem Jahr noch auf einer Liste wieder.

Ich möchte noch kurz einige weitere mögliche Titel für die Empfehlungsliste nennen: Ich könnte mir Der perfekte Moment (Anthony Nouveau – Corax Games) dabei vorstellen, da es ein echter Hingucker ist und die Aufgabe die Personen nach Ihren Wünschen zu platzieren durchaus interessant ist. Vor allem da man meist nicht alle Wünschen zu sehen bekommt, sich dann entscheiden kann auf die Platzierung von Personen zu verzichten um Minuspunkte zu vermeiden. Oder volles Risiko geht und hofft glücklich abzustauben. Ein einfacher, aber dennoch interessanter Engine Builder ist Wildes Weltall (Joachim Thôme – Board Game Circus), welches mit wenigen Aktionen spannende Kettenzüge ermöglicht. Als schnelles Kartenspiel könnte ich mir noch Punktesalat vorstellen, bei dem jede Karte entweder als Gemüse in die eigene Auslage gelangt oder als Wertung bei Spielende Punkte einbringt. Ein speziellerer Titel, den ich gerne auf einer der Empfehlungslisten wiederfinden wollen würde, ist Cantaloop – Buch 1: Einbruch in den Knast (Friedemann Findeisen – Lookout Spiele), das äußerst gelungene analoge Point-and-Click-Adventure.

Meine Prognose für beide Kategorien enthält nun allerdings vier kooperative Titel, keine Ahnung ob das der Jury divers genug wäre. Jetzt aber genug von mir, es sind ja nur noch wenige Stunden bis zur Bekanntgabe. Wenn ihr diesen Blogartikel vorher lest, dürft ihr gerne noch eure Prognose in den Kommentaren hinterlassen. Ansonsten hat das Raten morgen ein Ende und wir können alle darüber sinnieren, ob die Jury dieses Jahr den richtigen Riecher hatte.

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